Wunsch und Segen

Morgenandacht

Meike Boeschemeyer

Wunsch und Segen
01.09.2021 - 06:35
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Jeder Brief und jede E-Mail schließen mit guten Wünschen an den Adressaten. Jeder Gottesdienst endet mit einem Segen. Das ist sich ziemlich ähnlich – und doch nicht das Gleiche. Denn man kann aus eigener Kraft wünschen, aber niemand kann aus eigener Kraft segnen. Man kann sich auch nicht selbst segnen. Zum Segen gehört immer eine, die segnet, und eine, die gesegnet wird. Oder einer. Wer segnet, leiht Gott Stimme und Hände. Niemand, der segnet, kann für das garantieren, was er zusagt. Das Subjekt des Segnens ist immer Gott.

 

Das ist der Unterschied von Wunsch und Segen. Freilich kann man jemandem auch einen gesegneten Tag wünschen oder Gottes Segen zum Geburtstag. Aber eine Segenshandlung will mehr zum Ausdruck bringen. Als Empfänger des Segens bin ich immer passiv. Ich kann es vielleicht aktiv verhindern, gesegnet zu werden, aber ich kann nicht aktiv Segen herbeiführen oder gar erzwingen. Segen ist immer ein Geschenk. Oder es ist kein Segen. Was im Segen geschieht, scheint so einfach und ist doch auch komplex.

 

Wie Segen wirkt, das macht mir eine Geschichte aus den Harry Potter-Romanen deutlich. Ron Weasley ist der beste Freund von Harry Potter. Er träumt sein ganzes Leben davon, ein toller Quidditch-Spieler zu werden. Quidditch ist in der Zaubererwelt das, was hierzulande Fußball ist.

 

Ron schafft es schließlich in die Quidditch-Mannschaft als Torwart. Leider zweifelt er ständig an seinen Fähigkeiten und lässt sich leicht von anderen beeinflussen. Seine Leistung als Keeper sinkt beständig. Und als die Gegner Spottgesänge über ihn erfinden, die frei zusammengefasst in etwa lauten: „Weasley ist unser King, der hält nicht ein einziges Ding“, ist es um ihn geschehen. Er versagt auf der ganzen Linie. Wochen und Tage schleicht er deprimiert durch die Gänge. Am Morgen des nächsten Spiels kriegt er beim Frühstück keinen Bissen runter. Sein Freund Harry beschließt zu handeln. Er ist im Besitz eines äußerst seltenen Zaubertrankes namens Felix Felicitas. Ein Trank, der einfach alles glücken lässt. Wenn man ihn einnimmt, erreicht man sein Ziel, weil man einfach spürt, was zur richtigen Zeit dran ist. Und Harry reicht Ron einen Becher Kürbissaft. Ron hat aber gesehen, dass Harry da vorher irgendetwas hineingetan hat. Das kann ja nur Felix Felicitas gewesen sein, folgert Ron. Und seine Laune bessert sich.

 

Als dann plötzlich noch zwei Angstgegner vom anderen Team ausfallen, ist es für Ron sonnenklar: Heute wird sein Glückstag! Er wirkt wie ausgewechselt. Fröhlich zieht er ins Spiel, hält jeden Ball, demoralisiert die Gegner, weil er auch die schwierigsten Bälle pariert. Er ist so gut, dass die Spottgesänge schließlich von den eigenen Fans umgedichtet werden: „Weasley ist unser King, denn er hält jedes Ding.“

 

Wie sich hinterher herausstellt, hatte Harry jedoch nur so getan. Die Zaubertrankflasche ist noch versiegelt. Ron kam nie in den Genuss von Felix Felicitas. Dennoch hat er sich selbst übertroffen.

 

Segen wirkt bei mir wie Felix Felicitas bei Ron. Jedes Mal, wenn ich für etwas gesegnet wurde, war es so. Segen macht, dass ich mir endlich nicht mehr selbst im Weg stehe. Und es gab und gibt viele Situationen, in denen ich mir im Weg stehe. Segen ist wie ein Wärmestrom, in dem ich mich anders und frei entfalten kann. Segen ent-zweifelt. Segen macht gelassen. Segen motiviert. Segen macht gewiss. Segen ist Kompass. Segen hat Magie und ist doch nicht magisch.

Schalom! Gott segne Sie!

 

Es gilt das gesprochene Wort.