Und bringe alle um

Wort zum Tage

Gemeinfrei via Unsplash/ Patrick Fore

Und bringe alle um
mit Ulrike Greim
06.11.2021 - 06:20
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Ich lese ihnen jetzt ein paar Zeilen vor, und bitte sie: Raten sie mal, ob die aus der Bibel stammen oder aus dem Koran. Das habe ich mal in einer Kirchgemeinde gefragt.

 

„Herr, erquicke mich um deines Namens willen;

führe mich aus der Not um deiner Gerechtigkeit willen,

und vernichte meine Feinde um deiner Güte willen

und bringe alle um, die mich bedrängen; denn ich bin dein Knecht.“

 

Das muss der Koran sein, waren sich alle sicher.

Ist er aber nicht.

Das ist die Bibel. Psalm 143. Es ist der aktuelle Wochenpsalm. Die Liturgie hat ja für jede Woche Stellen aus der Bibel, die im Gottesdienst am Sonntag vorkommen sollen und auch die ganze
Woche über.

In dieser Woche also Psalm 143.

Allerdings – da haben sich die Liturgiker bei ihrer Festlegung geeinigt, nur die Verse eins bis neun. Und die, die ich eben vorgelesen habe, das sind die Verse elf und zwölf.

Die davor sind durchaus netter. Da ist einer arg in der Klemme, sehr angegriffen offensichtlich, und er ruft nach Gott. „Vernimm mein Flehen um deiner Treue willen…“

Und: „Der Feind verfolgt meine Seele und schlägt mein Leben zu Boden, er legt mich ins Finstre wie die, die schon lange tot sind.“

Also ein Gebet aus tiefster Verzweiflung.

 

Ich bin eine Freundin der Psalmen. Und nicht nur der Verse, die auf Postern mit Sonnenuntergängen gedruckt werden und der klassischen Sprüche für Taufen oder Hochzeiten. Sondern der ganzen Psalmen, archaisch, herb, mitunter fremd.

 

Zwei Gedanken:

Erstens: Wie anders hört sich dieser Psalm aus dem Munde eines Menschen an, der in einem afghanischen Foltergefängnis sitzt.

„Herr, erquicke mich um deines Namens willen;

führe mich aus der Not um deiner Gerechtigkeit willen,

und vernichte meine Feinde um deiner Güte willen.“

 

Es gibt Menschen in existenzieller Not. Deren Angst und Pein kann ich nicht ermessen. Und ich werde nicht richten, wenn jemand das so betet.

 

Aber zweitens: Er betet. Und wo, wenn nicht in einem Gebet, darf alles ausgepackt werden, was in ihm ist. Auch heißer Zorn, sogar Hass. Und in dem Fall schlicht: Angst um Leib und Leben.

Im Gebet ist es adressiert. Gut aufgehoben. Gebet ist straffreier Raum. Abhörsicher. Die Anrufung einer letzten Instanz, erst recht, wenn alle anderen versagt haben.

 

Die Psalmen halten so viel bereit, was mit einem vielfach weichgespülten Christentum scheinbar nicht übereinzubringen ist. Aber die Welt ist groß.

Und wir haben nur Glück, wenn wir so abgesichert leben, dass wir uns solche existenzielle Not nicht einmal vorstellen können. Aber eben auch diesen Glauben nicht: „Du bist doch gerecht, Gott. Schaffe Gerechtigkeit. Jetzt!“

Ich wette, Etliche in unserem Land verstehen solche Verse. Es wäre ein großes Geschenk, ihre Geschichte zu hören.

 

Es gilt das gesprochene Wort.