Kirschen saftig und süß

Wort zum Tage

Gemeinfrei via unsplash/ Gala Iv

Kirschen saftig und süß
mit Ulrike Greim
14.07.2022 - 06:20
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Morgens gleich als erstes geht sie in den Garten. Die Vögel zwitschern, der Dunst hängt noch über dem Rasen, der Straßenverkehr rollt erst langsam an. Dann geht sie wie eine Mutter durch die Reihen und schaut nach ihren Kleinen. Nach der Himbeerhecke. Sie richtet sie behutsam auf nach dem Regen, stellt einen Stock darunter. Schaut den Beeren beim Wachsen zu. Geht zu den Rosen, nimmt die verwelkten Blätter ab, geht zu den Hortensien und freut sich. Ingrid ist 82. Seit ihr Mann gestorben ist, ist ihr Radius kleiner geworden. An manchen Tagen reicht er nur bis zum Gartenzaun. Aber das soll ihr gelegentlich auch genug sein.

Ihr Garten ist ihr Himmelreich.

„Wenn die Kirschen kommen, dann ist es mir, als würde Gott mich grüßen und winken,“ sagt sie. „Das ist, als wollte er sagen: Guck, das ist auch dein Leben: saftig und süß und prall und überschwänglich.“ Dann spricht sie mit Gott, mit dem Kirschbaum, mit den Rosen, mit den Vögeln, die aufgeregt hin und her flattern. Mit den Amseln, die sich ihren Teil holen.

Ingrid ist mittendrin.

Das kam erst mit dem Eintritt in die Rente, dass sie so offen wurde für die kleinen Wunder hinterm Haus. Dass sie wieder das Staunen gelernt hat. Einfach, weil sie sich Zeit genommen hat, zu beobachten. Wie das alles funktioniert, wie das rattert, wie ein Uhrwerk. Wann welche Blumen aufgehen, wann welche Vögel zwitschern, wann heute die Sonne hinter dem Nachbarhaus hochkommt und wie sie um die Terrasse wandert. Und welche Bahn der Mond gerade zieht.

Alles weise geordnet. Und geheimnisvoll.

Seitdem hat sie die Vermutung, dass auch ihr Leben irgendeinem Prinzip folgt. Sie weiß nur noch nicht, welchen Part sie selbst dabei spielt. Wie viel Einfluss sie wirklich hatte – damals. Und wie viel heute. Und ob sie die Weisheit besessen hat, alles weise zu regeln. Wohl kaum. Es scheint, die Weisheit fließt ihr erst im Alter zu. Wobei sie gerade jetzt denkt, dass sie immer weniger weiß, und das große geheimnisvolle Gegenüber immer mehr. Sie hält ihm lauschend ihr Ohr hin.

Hört die Spatzen, den Nachbarn, der gerade die Autotüre zuschlägt, den Motor, wie er anfährt, aus der Toreinfahrt auf die Straße biegt und vorbeirauscht, dann wird es langsam leiser.

Liebe Weisheit, sprich zu mir. Was soll ich heute zuerst tun? Und was ist mir bisher verborgen? So betet sie. Und der Wind geht ihr durch das Haar.

Es gilt das gesprochene Wort.