Ausbeutung - mitten in Deutschland

Ausbeutung - mitten in Deutschland
Pfarrer Dr. Wolfgang Beck
19.01.2019 23:35
02.01.2019
Dr. Wolfgang Beck

Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, 

Ausbeutung und moderne Sklaverei – mitten in Deutschland? Das gibt’s nicht? Doch! Einer Freundin von mir wird gerade übel mitgespielt. 

Ich habe mich riesig für sie gefreut: Sie stammt aus Ostafrika, hat deutsche Sprachkurse gut absolviert und nun tatsächlich einen Ausbildungsplatz gefunden, sogar in einem Luxushotel. Mit über dreißig noch mal in der Berufsschule, unter lauter Jüngeren. Aber sie weiß, dass es in Deutschland schwierig ist, ohne eine abgeschlossene Ausbildung Fuß zu fassen. Es ist ein harter Weg für sie. Sie weiß auch, dass die Ausbildung in diesem Luxushotel für sie eine Chance ist. Als ich sie nach den ersten Wochen der Ausbildung treffe, ist allerdings von der anfänglichen Euphorie nicht mehr viel zu spüren. Sie ist entsetzt darüber, was sie erlebt. Und obwohl sie nur zaghaft erzählt, kann ich kaum glauben, was ich höre. Arbeitszeiten mit 15 Stunden-Schichten, bei denen eben nach der regulären Arbeitszeit weitergeschuftet wird. Wer aufmuckt, fliegt gleich raus. Minimale Rechte von Arbeitnehmerinnen? Nicht hier, nicht während der Ausbildung, nicht da, wo sich gleich zehn Andere für die Stelle fänden. Nicht die Spur dessen, worüber in Politik und in Gewerkschaften mit der Vorstellung von einem angemessenen Mindestlohn gesprochen wird. Der bezieht sich nämlich nicht auf Ausbildungszeiten und lässt sich mit unbezahlten Überstunden auch leicht aushebeln. Da wird halt zum Feierabend gestempelt – und weitergearbeitet!

„Was ihr den Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Diesen Satz aus dem Matthäusevangelium gilt es immer mal wieder in Erinnerung zu rufen. Denn mit ihm rücken Menschen in den Blick, die sonst leicht übersehen werden. In den Küchen von Restaurants, bei der Reinigung der Hotelzimmer, bei den Paketdiensten mit ihren Subunternehmen, in den Schlachthöfen. Bei den Luxushotels genauso wie bei den Familien, in denen Pflege durch Frauen aus Osteuropa übernommen und bei Sieben-Tage-Woche und 24-Stunden-Bereitschaft sogar noch Dankbarkeit für die Ausbeutung erwartet wird. Es sind Bereiche, bei denen die meisten von uns eben denken: „Ja, das muss es alles geben.“ Aber sich damit beschäftigen, wie es den konkreten Menschen in dem Bereich geht? „Nicht, wenn es sich vermeiden lässt.“ Es sind gesellschaftliche Bereiche, die irgendwie selbstverständlich vorausgesetzt werden. Da kann nicht mit großer Geste durch Streiks Öffentlichkeit erzeugt werden, wie bei der Bahn oder an den Flughäfen. Wen interessiert es schon, wenn da Menschen ausgebeutet und misshandelt werden? Selbst die Instrumente von Betriebsräten und Gewerkschaften scheinen in diese Winkel der Gesellschaft nicht zu reichen. Und Wahlen kann vermutlich auch niemand damit gewinnen, dass er sich für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in diesen Bereichen einsetzt. Auch in der christlichen Sozialethik gibt es deshalb seit Jahrzehnten das Anliegen, die Verhältnisse in der Erwerbsarbeit zu humanisieren. Das zielt darauf ab, dass alle Menschen, auch Auszubildende, gerecht behandelt werden, so dass sie von ihrer Arbeit leben können und nicht ausgebeutet werden.

„Was ihr den Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“, wer diesen Satz wirklich ernst nimmt, der wird zusammenzucken. Das passiert allerdings auch bei mir zu selten. Aber bei der Erzählung meiner Bekannten aus dem Hotelbetrieb und von ihrer Ausbildung im Luxus-Hotel, da bin ich zusammengezuckt. Kann das wirklich sein, in einem Land mit Rekordüberschüssen bei Wirtschaftsleistung und Steuereinnahmen? In einem Land, in dem das Modell der Sozialen Marktwirtschaft gelten soll. Wo alle fair behandelt werden und leben können, da kann es nicht sein, dass die Schwachen, die weniger Glück oder weniger clevere Verbindungen haben, wie Knechte oder Sklavinnen leben. Was bleibt? Hinschauen, denn es gilt: „Was ihr den Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan!“

02.01.2019
Dr. Wolfgang Beck