"Augen auf" heißt ein Aktionstag für Schüler:innen anlässlich des Holocaustgedenktags. Augen auf in der Nachbarschaft, wünscht sich unsere Autorin.
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Heute ist Kinotag für Schülerinnen und Schüler in Berlin, Dresden, Erfurt, Frankfurt am Main, Rostock und Stuttgart. "Augen auf!" heißt der Aktionstag der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft. Die Stiftung setzt sich für die Entschädigung von Zwangsarbeitern und anderen Geschädigten der Zeit des Nationalsozialismus ein. Heute finanziert sie Projekte, die sensibel machen für die Gefahren, die von totalitären Systemen ausgehen.
Augen auf also - heute ist Holocaustgedenktag. Gezeigt werden Filme für verschiedene Altersstufen, die sich mit der millionenfachen, systematischen Ermordung von Jüdinnen und Juden in der Zeit von 1933 bis 45 auseinandersetzen. Augen auf, weil Wegschauen noch nie eine gute Idee war – das ist auf der Ankündigung zu lesen.
Augen auf und Ohren und die Herzen hoffentlich auch: ganz weit. In der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin, wo ich wohne, gibt es kaum einen Ort, der nicht vom Grauen erzählt, das damals stattfand – und vom millionenfachen Wegschauen eines Großteils der Bevölkerung.
Das Gleis 17 am S-Bahnhof Grunewald ist so ein Ort. Hier fuhren Züge der Reichsbahn 10 000 jüdische Bewohner der Stadt in Arbeits- und Konzentrationslager: nach Riga und Warschau in die Lager Auschwitz-Birkenau und Theresienstadt. Nachbarn haben weggeschaut, die Ohren verschlossen, nichts gehört und nichts gesehen. Vor allem aber: nichts dagegen unternommen. Es überkommt mich jedes Mal Grauen dort am stillgelegten Gleis, das von Gras und Moos überwachsen ist, während am Nachbargleis die S-Bahn fährt und Menschen zur Schule oder Arbeit unterwegs sind, unterwegs ins normale Leben eben, das jüdischen Menschen damals verwehrt und grausam genommen wurde.
Augen auf: Schon im Kino fällt das nicht immer leicht, besonders dann, wenn der Horror auf der Leinwand echt ist, wenn Bilder das Erträgliche übersteigen und einem danach nicht aus dem Kopf gehen. Auch daher rührt der Wunsch mancher, es müsse jetzt endlich Schluss sein mit der Erinnerung. Doch Wegschauen war noch nie eine gute Idee.
Ich erinnere mich an folgendes Ereignis aus meiner Kindheit: Wir spielten draußen, als ein Nachbar plötzlich seine Ehefrau brüllend an den Haaren ins Haus zerrte. Sie schrie und rief um Hilfe. Die Nachbarn schauten aus dem Fenster, standen hinter der Wohnungstür, steckten die Köpfe zusammen: Niemand half. Alle wussten: Die Frau wird jetzt von ihrem Mann verprügelt. Privatangelegenheit – das ginge uns nichts an, da dürfe man sich nicht einmischen, erklärte man uns Kindern. Das war in den 70er Jahren. Man sah weg: aus Angst, Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit.
In wenigen Tagen, am 2. Februar ist Mariä Lichtmess. Damit geht die Weihnachtszeit zu Ende selbst für die, die sie besonders lange zelebrieren. Die letzten Weihnachtsbäume in meiner Stadt Berlin werden gerade noch eingesammelt. Sie erinnern an den Satz des Engels aus der Weihnachtsgeschichte: Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird… Ich übersetze das für diesen Tag des Gedenkens: Siehe! Augen auf, schaut in die Krippe auf dieses jüdische Kind. Schützt dieses Leben, wenn Gefahr im Verzug ist. Seid wachsam, was geschieht.
Jüdisches Leben gehört zu Deutschland – dieser Satz wird heute wieder oft fallen bei den Gedenkveranstaltungen. Er braucht Taten: Nachbarn, die hinschauen, wenn Gefahr für Leib und Leben besteht. Menschen, die sich interessieren und dafür sorgen, dass man in Deutschland ohne Angst Weihnachten und Chanukka, Pessach und Ostern feiern kann. Und dass das auch öffentlich geht.
Bei uns im Stadtbezirk wurde diesmal ein solches Feiern auf dem Marktplatz abgesagt – aus Angst vor Anschlägen und Unruhen. Das ist kein Zustand. Es braucht uns alle, die wir uns nicht abfinden mit der Angst, die jüdische Mitbürger haben. Wer Weihnachten feiert, bekennt mit dem Kind in der Krippe auch das: Jüdisches Leben gehört zu uns. Und es geht um jüdisches Leben nicht allein in der Erinnerung, sondern heute und in Zukunft.
Es gilt das gesprochene Wort.
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