Gemeinfrei via Fundus/ Lutz Neumeier
Eine Kampagne der Bundeswehr wirbt großangelegt für den Wehrdienst. Und lässt unsere Autorin jenseits von Musterung fragen: Wie werden Menschen friedenstauglich?
Weil Frieden nicht selbstverständlich ist
Was kann ich tun, um den Frieden zu sichern?
29.01.2026 06:35

Eine Kampagne der Bundeswehr wirbt großangelegt für den Wehrdienst. Und lässt unsere Autorin jenseits von Musterung fragen: Wie werden Menschen friedenstauglich?

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"Mach, was wirklich zählt" steht auf einer riesigen Werbefläche an der Hochhauswand, die gerade am Berliner Alexanderplatz in die Höhe wächst. Darunter in noch größeren Buchstaben: Weil Frieden nicht selbstverständlich ist. Die Menschen, die Tag für den Tag den prominenten Platz überqueren wie ich, können gar nicht anders als hinsehen. Klar: Hier wirbt die Bundeswehr. Großflächig in der ganzen Stadt. Unten dann das Kleingedruckte: Wehrdienst machen – Frieden sichern.

An diesem Aufruf scheiden sich die Geister. "Suche nach Kanonenfutter" titelte eine Berliner Zeitung. Ich verzichte an dieser Stelle auf die Wehrdienstdebatte. Auch in der evangelischen Kirche gibt es verschiedene Haltungen dazu, was denn nun tatsächlich geboten ist, um Frieden herzustellen und ihn zu erhalten. Gerade erst im November hat die Evangelische Kirche in Deutschland eine Denkschrift zur Friedensethik veröffentlicht. Und darin die verschiedenen Positionen dargestellt. Eine gute Hilfe, um sich selbst ein Urteil zu bilden.

Hilfe bieten die Kirchen übrigens auch jungen Menschen an, die demnächst zur Musterung geladen werden: Finde DEINEN Weg - so das Motto des Beratungsangebots, damit Jugendliche für sich entscheiden können, was für sie zählt und wie Frieden aus ihrer Sicht am besten gesichert werden kann.

Das stört mich tatsächlich an dem Plakat der Bundeswehr: Das kleine Wörtchen wirklich. "Mach, was wirklich zählt" – das wertet Jugendliche ab, die anders denken und entscheiden. Ich bleibe trotzdem am Plakat hängen, nämlich beim Fettgedruckten, dem ich hundertprozentig zustimme: Frieden ist nicht selbstverständlich. In der Welt nicht. In Europa nicht. Im Netz nicht. In der Schule und am Arbeitsplatz nicht und zu Hause auch nicht. Friedenssicherung ist also ein Thema für uns alle, nicht nur für Soldatinnen und Soldaten und die, die demnächst zur Musterung müssen.

Wie also werden wir friedenstüchtig? Statt wütend zu schimpfen auf Politik oder Bundeswehr oder Wehrdienstbefürworter oder -gegner, hilft es, die Dinge konkret zu machen: Was zählt denn wirklich? Was kann ich selber tun, damit Frieden ist und Frieden bleibt? In meinem Umfeld. In meiner Stadt. Vor meiner Tür, in meinem Büro, in meinem Wohnzimmer.

Wirklich friedenstüchtig bin ich leider nicht immer. Und wehrhaft genug, andere zu verteidigen, die angegriffen werden, leider auch nicht. Die aktuelle Lage bringt es da eher mit sich, dass mein eigenes Aggressionspotential noch wächst und ich schneller auf der Palme bin und unduldsamer mit anderen. Der ständige Krisenmodus, in dem wir uns befinden, kratzt an der Seele, macht wund und anfällig. Und damit auch schnell aggressiv.

Gerade deshalb bleibt es dabei: Den Frieden sichern, das geht uns alle an. Und will geübt sein. Unter Geschwistern, wenn’s ums Teilen geht. In der Schule, wenn Kinder heute zu Konfliktlotsen und Streitschlichterinnen ausgebildet werden. Großartig - auch für Erwachsene. Konfliktlotse und Streitschlichter – das wäre auch eine passende Beschreibung für Jesus von Nazareth. Denn der hat Gewaltverzicht nicht nur gepredigt. Er hat sehr konkret mit großen Menschen geübt, wie das gehen kann: Konflikte beenden, bevor sie eskalieren. Streit schlichten, ehe Gewalt ausbricht. "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!" war so ein erfolgreiches Lotsenwort von Jesus. Das bewirkte, dass Männer den Stein fallen ließen, den sie schon in der Hand hatten, um ihn auf eine Frau zu werfen.

Was also kann ich tun? Wie kann ich dafür sorgen, dass Frieden wird in meiner Umgebung - auch in mir?

Während ich den Alexanderplatz überquere, der leider oft schon Schauplatz von Gewalt wurde, fallen mir gleich mehrere Sachen ein, wie ich mich ab sofort friedlicher verhalten kann: Mehr Konfliktlotsin sein als Rechthaberin. Mehr abwarten als gegenhalten. Mehr zuhören statt laut werden. Mehr Gelassenheit statt Ausrasten. Das wären für mich erste Schritte. Mach, was wirklich zählt – für den Frieden.

Es gilt das gesprochene Wort.

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