Gemeinfrei via Fundus/ Jürgen Treiber
Brigitte Miras Geburtstag
20.04.2026 06:35

Sie schauspielerte sich in die Herzen der Deutschen - auch in die der Nazis. Obwohl sie nach deren Rassengesetzen als Halbjüdin galt. Brigitte Mira entkam der NS-Massenmordmaschine und wurde fast 95. Heute wäre ihr Geburtstag.

Sendetext:

Heute ist der 20. April. Heute gibt es einen besonderen Geburtstag zu feiern. Den Geburtstag von: Elisabeth Wally Stramm. So jedenfalls ist sie im Geburtsregister eingetragen. Als Tochter von Elisabeth und Siegfried Stramm, einem aus Russland eingewanderten jüdischen Konzertpianisten.

Ihr Vater Siegfried verlässt die Familie früh. Das erschüttert die Kleine tief. Auch sie will jetzt die Bühne erobern. Aber nicht am Klavier, wie es dem Vater gefallen hätte. "Ich konnte nicht so lange still sitzen", bekennt sie später. Sie lernt Ballett und will eine große Künstlerin werden.

Das wird sie – und was für eine: Brigitte Mira. Die Schauspielerin mit dem kupferroten Haargebirge und der Berliner Schnauze, warmherzig und frech, ewig 69, wenn jemand sie nach dem Alter fragte. Sie war die Emmi Kurowski in Fassbinders Film "Angst essen Seele auf". Sie war eine der "Drei Damen vom Grill". Sie war bei den Chansonieren, die sich "Drei alte Schachteln" nannten. Sie war umwerfend.

Am 20. April 1910 wird die Mira in Hamburg geboren. Sie wächst in Düsseldorf auf. Mit acht Jahren tanzt sie bereits beim Opernballett. Aber sie hat keine Lust, dauernd Spitze zu tanzen und auf ihr Gewicht zu achten. Sie lernt Gesang, zwitschert heitere Operettenlieder, hat bald Engagements über Deutschland hinaus. Elisabeth Wally Stramm nennt sich Gitta Mira, und es zieht sie nach Berlin. Dort singt, tanzt und schauspielert sie sich in die Herzen des Publikums.

Auch in die Herzen der Nazis.

Moment mal! Wie das? Die junge Frau gilt doch nach den Rassegesetzen als Halbjüdin. Dass sie der NS-Massenmordmaschine entkommt, verdankt sich ihrem beherzten und entschlossenen Handeln. Sie ist, als es ernst wird, in Graz und packt die Gelegenheit beim Schopf. Sie lässt sich von ihrem Zusammengesparten falsche Papiere machen und für den Vater gleich mit. Die Papiere verraten nun nicht mehr ihre jüdische Herkunft.

So rettet Brigitte Mira, wie sie nun laut Ausweis heißt, sich und ihren Vater. Sie überlebt nicht im Versteck, im Gegenteil. Sie lebt in Deutschland und wird ein Star, wirkt sogar mit in der NS-Propagandaserie "Die Liese und die Miese" – natürlich als die Miese. Anders als die schneidige Liese macht die Miese nach Nazi-Moral alles falsch, hört Feindsender, hortet Essen und hat ein unverblümtes Mundwerk. Die Deutschen lieben die Miese, Goebbels ist sauer und die Sendung wird abgesetzt.

Im Jahr 1944 wird Brigitte Mira trotzdem in die Gottbegnadeten-Liste des Propagandaministeriums aufgenommen. Glücklich macht sie das nicht: "Ich hab‘ gelitten wie ein Tier. Einmal aus Angst. Weil ich ja doch wusste, es sind Papiere, hoffentlich halten sie alle stand. Das wusste man ja nicht vorher. Und zweitens: Das ganze Regime war schrecklich", berichtet sie später in einem Interview.

Ja, das war es. Das ganze Regime war schrecklich. Es hatte nichts mit Gott am Hut und nichts mit Gnade. Das heißt nicht, dass es Gott nicht im Munde führte. Na klar haben auch Braune ihren braunen Gott und ihre braunen Gebete. In ihrem Mund verfault das Wort Gott zum Namen für einen völkischen Götzen. Gnade war sowieso nicht gefragt. So was Schwaches galt als jüdische Minderwertigkeitstheologie. "Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde" sollte der Nazi-Mensch sein.

Gottes Gnade ist das Gegenteil: leicht wie Federn, zart wie Babyhaut, geduldig wie ein Ochse. Und deshalb so stark. Gnade ist die unverhoffte himmlische Kraft der Schwachen und Ohnmächtigen. Die einer Elisabeth Wally Stramm zum Beispiel, die mit Charme und Chuzpe überlebt. Nach dem Ende des Nazi-Terrors lebte Brigitte Mira weitere 60 Jahre. Sie starb 2005 im Alter von fast 95 Jahren.

Ich stelle mir vor: Brigitte Mira feiert heute himmlischen Geburtstag. Hoch soll sie leben, für ewig 69!

Es gilt das gesprochene Wort.

Literatur zur Sendung:

https://www.rundschau-online.de/spurensuche/brigitte-mira-und-ihre-zeit-als-taenzerin-in-koeln-687863

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/zeitzeichen/audio-spaete-beruehmtheit-dank-fassbinder-schauspielerin-brigitte-mira-100.html

Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage!