Die Heimat verlieren, das ist eine Wunde, die lange braucht, um zu heilen.
Sendetext:
Als ich vor vielen Jahren mit einer Gemeindegruppe soziale Projekte im Westjordanland besuchte, zeigte uns ein Palästinenser den Schlüssel zu seinem Haus. Nur dieser Schlüssel war ihm geblieben, als die Familie von ihrem Anwesen in der Nähe von Haifa vertrieben wurde. Er war damals noch ein Kind, doch die Wunde konnte nicht heilen, denn das neue Zuhause ist ihnen nicht zur Heimat geworden.
Rouven war unser israelischer Reiseleiter. Er erzählte daraufhin von seinem Geburtsort an der Grenze zwischen Rumänien und der Ukraine. Er musste fliehen, um nicht dem Holocaust zum Opfer zu fallen. Heimweh hatte er nicht. Und trotzdem fuhr Rouven immer wieder dorthin. Er unterstützte Roma-Familien, die jetzt in seinem Dorf lebten und deren Armut ihn an die eigene Kindheit erinnerte.
Und dann begannen auch wir zu erzählen. Die Geschichte mit dem Schlüssel kannte eine Teilnehmerin aus ihrer eigenen Familie. Den hat der Vater eingesteckt, als die Familie den Bauernhof in Schlesien nach dem verlorenen Krieg von einem Tag auf den anderen räumen musste. Abschließen durften sie das Haus nicht. Es sollte offen sein für die neuen Bewohner.
So wie bei Rouven gibt es auch in ihrer Familie keine Sehnsucht nach Rückkehr. Der Schmerz über die Vertreibung verbindet sich mit der Scham über die Gräuel, die die Deutschen den Polen angetan haben. Mit dem Vater besuchte sie dessen altes Zuhause. Es gab eine herzliche Begegnung mit den neuen Eigentümern und auf beiden Seiten Dankbarkeit, dass alle sich in ihrer jeweiligen neuen Heimat eingerichtet haben und man sich ohne Hass und Neid begegnen kann.
Wie tief die Wunden sind, wenn einem die Heimat genommen wird und wie es gelingen kann, diese Wunden zu heilen, ist mir noch einmal neu begegnet, als ich auf das "Archiv der verschwundenen Orte" stieß. Zur Zeit findet man es nur als Eintrag im Internet, demnächst aber als Dauerausstellung im "Museum für Textil- und Industriegeschichte Lausitz". (1) Das Archiv dokumentiert die Ortsabbrüche und Umsiedlungen als eine der folgenreichsten Begleiterscheinungen des Braunkohlebergbaus. 25.000 Menschen mussten seit 1924 dem Bergbau weichen. Heimaten gingen verloren. Landschaften, Grabstätten, Kirchen, Häuser und Höfe verschwanden einfach. Menschen wurden ihrer Geschichte beraubt.
Man erfährt, wie schmerzhaft es für die Vertriebenen war. In der DDR wurde diese Trauer tabuisiert. Der Verlust an Identität durfte keine Rolle spielen. Das war der Preis für den gesellschaftlichen Fortschritt, den die Betroffenen ohne Murren zu erbringen hatten.
Wer in der hebräischen Bibel, im Alten Testament, liest, wird immer wieder auf Passagen stoßen, in denen es darum geht, dass Stämme und Völker um ein Heimatrecht auf dieser Erde streiten. Gott gilt dabei als Garant für Gewinn oder Verlust. Gott gibt und Gott nimmt. Gott ist auf der Seite der Sieger, denn wer sollte stärker sein als er. Mich befremden diese Passagen. Ich erkläre sie mir vor dem historischen Hintergrund, bei dem Nomaden sesshaft werden und um die begrenzten Lebensräume streiten.
Es gib auch andere Aussagen in der Bibel, da heißt es: Behandelt Fremdlinge wie euresgleichen, denn auch ihr seid Fremde gewesen. Egal, ob Menschen ihrer Heimat durch Krieg, Industrieansiedlung oder durch den Klimawandel beraubt werden, sie behalten ein Heimatrecht auf diesem Planeten. Und wenn ihnen dieser Raum gewährt wird, so besteht eine Chance auf Heilung, selbst wenn der Schmerz über den erlittenen Verlust bestehen bleibt.
Es gilt das gesprochene Wort.
Literatur zur Sendung:
(1) https://www.archiv-verschwundene-orte.de/de/startseite/70224
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