Taylor Swift ist eines der Pop-Phänomene unserer Zeit. Die US-amerikanische Sängerin bezeichnet sich selbst als Christin. Wie viel Glauben steckt in ihren Songs?
Sendetext:
Um Taylor Swift kommt niemand herum. Die Welttournee der amerikanischen Popsängerin durch mehrere, ausverkaufte Stadien – die sogenannte Eras-Tour 2023 bis 2024 – machte Schlagzeilen und brach Rekorde. Von Taylor Swifts Hochzeit mit dem American Football-Spieler Travis Kelce wird jedes Detail veröffentlicht, an das Journalisten und Influencer herankommen.
Taylor Swift hat eine riesige weltweite Fan-Gemeinschaft und hält ihren Spitzenplatz im Spiel um mediale Aufmerksamkeit. Selbst Gottesdienstbesucher kommen um die Musik der Singer-Songwriterin nicht herum. In ganz Deutschland wurden schon Taylor-Swift-Gottesdienste gefeiert.
Ich kann das gut nachvollziehen. Ich bin Christin, und ich liebe die Musik von Taylor. Auch ich kann mir einen Gottesdienst mit Liedern aus ihren mittlerweile zwölf Alben gut vorstellen. Ich bin zwar kein Swiftie, wie die Megafans der 36-Jährigen sich nennen. Aber die Wirkung, die ihre Songs in mir hinterlassen, wünsche ich mir auch in Gottesdiensten.
Ich bin erst relativ spät auf den Geschmack ihrer Songs gekommen. Am Anfang der Corona-Pandemie hörte ich "Invisible String" von Swifts gerade erschienenem achten Album. Bis heute kann ich nicht genau sagen, wie dieser Song mich mit Geborgenheit umhüllt: Vielleicht sind es die flüchtig gezogenen Gitarrenseiten, die mich an Zusammensitzen am Lagerfeuer erinnern. Vielleicht ist es das Bild eines unsichtbaren Fadens – eines "invisible string" – der das im Leben verbindet, was unbedingt zusammengehört. Als im ersten Lockdown Wichtiges auseinandergerissen wurde, hat mich diese Idee getröstet.
Swift entfaltet sie nicht nur mit dem Bild eines unsichtbaren Faden: Sie singt von Farben, die Menschen in kleinen Details ihres Lebens und in ihren Sehnsüchten und Träumen verbinden.
"Grün war die Farbe des Grases
An der Stelle im Centennial Park, an der ich immer gelesen habe
Ich dachte immer, ich würde dort jemanden kennen lernen",
"Türkis war die Farbe deines Shirts, als du 16 warst, im Joghurt-Laden.
Du hast dort gejobbt, um dir was dazu zu verdienen."
Diese Sehnsucht, dass Menschen über zeitliche und örtliche Grenzen verbunden sind, ist eine Bitte, die ich oft an Gott richte. Im Song "Invisible String" hat Taylor Worte und Melodie für ein Gebet gefunden, das ich tief in mir habe.
So regen Lieder spirituelle Erfahrungen in mir an: weil ich in ihren Texten an Erfahrungen mit meinem Glauben erinnert werde, weil sie religiöse Gefühle in Lyrics und Melodien gießen, weil ihre Klänge mehr ausdrücken, als ich in Worte fassen kann. Und so habe ich eine ganze Liste an Pop-, Rock- und Deutschrap-Songs, in denen ich Gott begegne. Darunter sind auch Taylor Swift-Stücke.
Denn Taylor Swift nimmt Gefühle ernst. Sie schaut sie sich genau an, dann pickt sie ein spannendes Detail heraus und gießt dieses in einen Drei-Minuten-Hit. Sie taucht tief ein ins Vermissen, ins Sich nach einander Sehnen, ins Verlieben und ins Entlieben, in Ängste und Hoffnungen.
Swift bedient sich dabei oft christlicher Motive. Meistens stehen sie als Metapher für romantische Liebesbeziehungen oder verdeutlichen die Auseinandersetzung mit Schuld und Wiedergutmachung.
In dem jazzig-atmosphärischen Slow Jam "False God" singt Swift davon, wie sie an einer Fernbeziehung festhält, obwohl diese im Schwinden ist. Eine Liebe zu feiern wie einen Gottesdienst, obwohl sie ein falscher Gott geworden sei. Hüften werden zu einem Altar, er hat Religion auf den Lippen – das Ende ist absehbar.
Oder Taylor ruft Gott – überwältigt oder überrascht von den eigenen Gefühlen.
In einigen Liedtexten singt Taylor über religiöse Praktiken. Am eindrücklichsten beschreibt sie ihre Sehnsucht nach Beistand in dem Song über die Krebserkrankung ihrer Mutter. Taylor sehnt herbei, dass es der Mutter bald besser gehen wird: "Soon You’ll Get Better".
Taylor nimmt uns mit ins Wartezimmer beim Arzt, wo sie ihre Angst verbirgt. Dann gesteht sie geradezu: "Verzweifelte Menschen finden zum Glauben, also bete ich jetzt auch zu Jesus. Und ich sage zu dir: ‚Bald wird es dir besser gehen!‘"
In Krisen die Kraft des Gebets erkunden, das macht Taylor in einem weiteren Song:
"Bigger Than The Whole Sky" handelt von einem schweren Verlust, der eine Lücke hinterlässt, größer als der gesamte Himmel. Taylor fragt sich, ob sie diesen Verlust hätte verhindern können, wenn sie gebetet hätte.
Als Gebet an sich kann der Song "Would’ve, Could’ve, Should‘ve" verstanden werden. Taylor spielt mit dem Gedanken, was gewesen sein könnte, wenn sie eine Beziehung nicht eingegangen wäre. Und dieser Modus des Möglichen, des Was-wäre-Wenn, des Bittens ist auch die Art und Weise, wie Gebete formuliert werden. Im Bedauern wünscht Taylor sich eine Zukunft, die sie mit Geistern ihrer Vergangenheit führen kann. Darum betet sie: "Gott, schenke meiner Seele Ruhe!"
In der Ballade "But Daddy, I Love Him" tritt Gott als die übergeordnete Macht auf, die mehr Überblick hat als andere Beteiligte. Das lyrische Ich wird für seine Liebe kritisiert und bevormundet.
Dass Taylor Swift souverän christlich-religiöse Motive anwendet, liegt daran, dass sie im Bible Belt, im amerikanischen Bibel-Gürtel aufgewachsen ist. So heißt ein Streifen im Süd-Osten der Vereinigten Staaten, in dem besonders viele Menschen sich als Christen und Christinnen identifizieren. Sie leben ihren Glauben nach außen, einige besonders streng.
Als Christin hat Taylor Swift sich selbst in einer Dokumentation bezeichnet. 2020 erschien "Miss Americana" auf dem Streaming-Dienst Netflix. In einem Abschnitt kritisiert Swift eine konservative Politikerin. Sie sagt, dass sie sich als Christin mit dieser Politik nicht identifizieren könne.
Selten äußert sich Swift über ihre politischen und persönlichen Einstellungen. Sie singt über ausgewählte Teile ihres Lebens. Häufig spielen ihre Liebesbeziehungen eine Rolle in ihren Songs. Wie sie entflammten und in die Brüche gegangen sind, was sie sich wünscht und wonach sie sich sehnt, von frischverliebten Höhen und Trennungstiefen.
Sie verpackt Erfahrungen, die sie als Frau in der Öffentlichkeit macht, in anekdotische Poptitel. Sie trägt Konflikte mit anderen Sängern in ihren Songs aus. Sie singt über ihre Familie und Freundschaften. Ihre Kunst lebt davon, Andeutungen zu machen. So genau Taylor Gefühle auseinandernimmt, so vage bleibt sie mit Bezügen zu ihren Überzeugungen. Das macht ihre Kunst für viele so ansprechend und bedient gleich mehrere Bedürfnisse:
Taylor gibt nicht preis, von welcher vergangenen Beziehung sie singt. Dadurch bleiben ihre Songtexte übertragbar. Ihre Fans können diese Songs leichter in ihr eigenes Leben singen.
Gleichzeitig versteckt die Popgröße Hinweise in ihren Songs. Damit füttert sie die Spekulationslust ihrer Fans. Und die rätseln in Online-Foren, Podcasts und Artikeln, welche Liedzeile wohl über wen geschrieben wurde. Verbirgt sich hinter dem Song "Style" eine Hommage an Harry Styles, den Sänger, mit dem Swift ein paar Monate liiert war?
Ein zentrales Motiv in Swifts Werk ist die Frage nach der eigenen Identität. Wer bin ich? Wie sehen mich andere? Wie gehe ich mit Fehlern und Erwartungen um?
Gerade deshalb finden sich viele Hörerinnen und Hörer in diesen Liedern wieder. Die Songs liefern keine fertigen Lösungen. Sie schaffen einen Raum, in dem Unsicherheit ausgesprochen werden darf. Die Offenheit und das Unspezifische ihrer Dichtungen lädt andere ein, diese Songs auf ihre Gefühle zu beziehen. Auch auf religiöse Gefühle.
Die größten und meistbeachteten Taylor-Swift-Gottesdienste hat der Pfarrer Vincenzo Petracca mit seinem Team in Heidelberg gefeiert. Zweimal sind 600 Menschen in die Heiliggeistkirche gekommen. Seitdem hat das Team noch weitere Gottesdienste mit der Musik der Country-Pop-Sängerin veranstaltet.
Pop und Gottesdienst ist in Heidelberg keine Neuheit. Seit 2015 konzipiert Petracca Pop-Gottesdienste mit seinem Team. Dazu gehört Tine Wichmann, Lehrerin und Musikerin. Jedes Mal nehmen sie sich eine Popikone vor. Aus deren Liedern extrahieren sie Botschaften, die das Thema des Gottesdienstes bilden. Die Musik arrangiert Wichmann für jeden Teil des Gottesdienstes und für das Live-Spiel im Kirchenraum.
Im Eingangsteil eines Gottesdienstes erklingen normalerweise Gesänge um Erbarmen – das Kyrie. 2024 klang das im Taylor-Swift-Gottesdienst so:
Petracca:
"Der Taylor-Swift-Gottesdienst, der hieß schon Anti-Hero. Und sie hat ein Lied ja gemacht, einen Hit, Anti-Hero, da schaut sie auf die Monster in sich selbst. Der Song wurde mit einem Klangteppich verlängert. In den Klangteppich hinein habe ich eine Übersetzung oder eine Auswahlübersetzung des Textes auf Deutsch hineingesprochen und noch ein Gebet drangehängt und das war so der Kyrie-Teil."
Die Fürbitten hat die Musikerin Tine Wichmann mit dem Swift-Song "Soon You`ll Get Better" verwoben. Das hat viele gerührt. Dazwischen erklangen Lieder, biblische Texte und Ansprachen zu den Liedern und zum Leben von Taylor Swift. Und dann der Segen:
Petracca:
"Der war abgestimmt auf ein Lied und geht in ein Lied über. Bei Taylor Swift war das Schlusslied ‚Shake It Off‘ und der Segen, der in den Klangteppich hineingesprochen wurde, war, man soll die bösen Energien wegschütteln – Shake It Off – und sich von Gottes guten Energien füllen lassen und so, aber als Segen zugesprochen. Und dann ging das über in das Lied, zu dem die Gemeinde dann klatschen und tanzen durfte, was sie dann auch gemacht hat."
Petracca macht Gottesdienste mit Musik nur von Popikonen, die selbst einen christlichen Bezug haben. Er will die Musik nicht religiös instrumentalisieren. Es geht ihm um ein Gespräch auf Augenhöhe zwischen Popkultur und Glauben.
Petracca:
"Ich finde auch, dass Popgottesdienst auch die Popkultur befruchten. Wenn Taylor Swift ein Lied hat, das religiösen Inhalt hat oder religiöse Sprache, biblische Texte aufnimmt und dieses Lied in einem präsentischen liturgischen Akt vorkommt, dann wird es nochmal neu interpretiert. Also ist es eine gegenseitige Befruchtung."
Zum Schluss einer der für mich eindrucksvollsten Songs von Taylor Swift. Sie findet Worte für das, was ich glaube. Diesmal für meine christliche Hoffnung auf Verbundenheit über den Tod hinaus.
Taylor singt zu ihrer verstorbenen Großmutter. Sie erzählt davon, dass geliebte Menschen Spuren hinterlassen, die bleiben. Und ihre Großmutter bleibt nicht tot. Sie bleibt in Taylor, mit all den Bildern und Sätzen und Gerüchen.
"Und wenn ich es nicht besser wüsste,
würde ich meinen, du würdest gerade mit mir reden.
Und wenn ich es nicht besser wüsste,
würde ich meinen, du wärest noch da.
Was gestorben ist, blieb nicht tot.
Du bist lebendig, in meinem Kopf."
Es gilt das gesprochene Wort.
Musik dieser Sendung:
1. Taylor Swift, Invisible String
2. Taylor Swift, False God
3. Taylor Swift, Don’t Blame Me
4. Taylor Swift, Soon You’ll Get Better
5. Taylor Swift, Bigger Than The Whole Sky
6. Taylor Swift, Would’ve, Could’ve, Should’ve
7. But Daddy, I Love Him
8. Taylor Swift, Style
9. Taylor Swift, Marjorie