Regenbogen

Regenbogen über einem Feld

Gemeinfrei via unsplash/ Stainless Images

Regenbogen
Kein Zeichen der Provokation
25.06.2021 - 06:35
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Die Gedanken zur Woche im DLF.

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Dass es einen Streit um den Regenbogen geben würde, hätte ich niemals vermutet. Aber diese Woche kam es tatsächlich zu einem Eklat um das Symbol. Ausgerechnet in den Vorrundenspielen der Fußball-Europameisterschaft.

Begonnen hat alles harmlos: Manuel Neuer, der wohl beste Torwart der Welt, trug im Spiel gegen Portugal eine Armbinde in den Regenbogenfarben. Als Ausweis, dass er Spielführer der deutschen Mannschaft ist. Gleichzeitig setzte er damit ein persönliches Zeichen für mehr Toleranz.

Die Reaktion des Fußballdachverbandes kam prompt. Die UEFA kündigte ein Verfahren gegen Neuer und den DFB an, es war die Rede von Bußgeldern. Unfassbar: Die Drohung mit Strafe, weil ein Spieler ein Zeichen gegen Diskriminierung setzt.

Die Ermittlungen der UEFA wurden zwar wieder eingestellt, aber mittlerweile hatte die Armbinde in Regenbogenfarben Furore gemacht. Viele zeigen sich solidarisch, auch die Stadt München. Sie kündigte an, das Stadion zum Spiel gegen Ungarn in Regenbogenfarben zu beleuchten. Das war für die UEFA zu viel, sie untersagte die Aktion. Mit der Begründung, der Fußballverband müsse politische und religiöse Neutralität wahren.

Was ist an dem Regenbogen als Symbol so gefährlich, dass die Fußball-Funktionäre ihn unbedingt verhindern wollen? Und was ist am Regenbogen politisch?

Viele Menschen verstehen den Regenbogen als Zeichen und Bekenntnis für Diversität, Offenheit, Toleranz und gegen Hass und Ausgrenzung. Dazu gehört auch die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Und genau das machte den Regenbogen bei dem Fußballspiel gegen Ungarn so brisant. Jeder Regenbogen, so befürchtete Viktor Orban wohl nicht zu Unrecht, könnte als Zeichen des Protestes gegen die Diskriminierung von Homosexualität und Transsexualität in seinem Land gedeutet werden. Erwartbar, denn das ungarische Parlament hatte die Informationsrechte Jugendlicher dazu gerade eingeschränkt.

 

Doch der Regenbogen steht nicht für Provokation, sondern für einen Bund. In den Diskussionen wird der biblische Ursprung des Symbols gern übersehen. Es geht auf die Geschichte von der Arche Noah zurück. Gott straft die Menschen für ihre Bosheit mit einer Sintflut. Noah findet Gnade, baut die Arche und kann sich retten. Und Gott ändert seine Haltung: Nie wieder will er die Erde verfluchen. Der Regenbogen steht für diesen Neuen Bund. Wörtlich heißt es: „Darum soll mein Bogen in den Wolken sein - als Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Leben auf Erden.“

Dieser Text ist der Kern für das Symbol des Regenbogens: Zeichen der Verbindung von Himmel und Erde. Ausdruck für Neuanfang, für eine Zukunft in Frieden, für Toleranz und eine Welt, in der die verschiedenen Lebensformen und Lebenseinstellungen nebeneinander und miteinander existieren können.

Wenn dieses Bekenntnis von der UEFA zurückgewiesen wird, muss ich skeptisch werden. Die Grundwerte einer zivilisierten Gesellschaft sind nie zu politisch. Alles Reden der Funktionäre über den Sport als Mittel der Völkerverbindung wird durch diese Entscheidung zum Lippenbekenntnis. Es scheint, dass es der UEFA mehr um die Geschäfte geht als um Menschenrechte, wenn sie mit Autokraten und totalitären Systemen kooperiert, aber ein Votum für Toleranz verbietet.

Das Spiel gegen Ungarn war dann zwar mehr aufregend als zufriedenstellend. Eine Zitterpartie mit sintflutartigem Regen – aber es gab tausende Regenbögen, auf Fähnchen, als Mundschutz und an vielen anderen Stellen weltweit. Ein wunderbares Zeichen dafür, dass einer menschenverachtenden Politik Paroli geboten wird. Und der Beweis: die Toleranz hat viele Fürsprecher. Das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Neigung und Einstellung hat eine Chance. Der Boykott der UEFA hat dieses große Zeichen des Friedens und des Respekts am Ende nur unterstrichen.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

 

 

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