Geborgen in Musik

Morgenandacht

Ebuen Clemente Jr / Unsplash

Geborgen in Musik
12.10.2021 - 06:35
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Die Sendung zum Nachlesen: 

Zu sehen sind nur leere Räume und ein Klavier, bei dem sich zwei Tasten verklemmt haben. Einige Geigen und Celli liegen übereinander gestapelt nebenan. Die Räume des afghanischen Mädchenorchesters Zhora wirken verwaist. Nach der Machtübernahme durch die Taliban Mitte August mussten die Mädchen und Frauen sich verstecken oder fliehen. Von der Dirigentin Negin finde ich im Internet ein kleines Video, das hoffen lässt. Hoffentlich sind sie und alle Mädchen in Sicherheit. Und hoffentlich haben sie das mitgenommen, wovon sie träumen: Musik gegen die Gewalt zu setzen, traditionelle afghanische Klänge zu bewahren und am Ende des Tages sogar die Unterdrückung mit Musik zu besiegen.

In dem kleinen Video sagt der Sprecher über die Zeit, als das Orchester noch spielte: „Den Duft von Apfelblüten soll diese alte afghanische Melodie verströmen und wie aufgeblüht spielen die Musikerinnen und ihre Dirigentin.“ Ich weiß nicht, ob die Flüchtenden die duftenden Apfelblüten aktuell mit in ihren Herzen tragen können. Aber das Bild finde ich ermutigend: Es erzählt von einer anderen Welt. Es lässt eine andere Welt erahnen. Im Heute oder irgendwann in der Zukunft. Eine Welt, in der Musik klingt und keine Schüsse ballern. In der die Musik triumphiert.

Und zum Glück gibt es solche Geschichten bereits – eine davon ist über 3000 Jahre alt. Sie erzählt auch von Frauen, deren Musik und Gesang nach einer langen Durststrecke zu hören ist. Mirjam hat mit ihren Brüdern Aaron und Mose das Volk Israel aus Ägypten in die Freiheit geführt. Nicht mehr unterdrückt und in Sklaverei, sondern frei sollte Israel nun sein – aber der Weg dahin war lang, durch die Wüste und mit vielen Rückschlägen verbunden. Jetzt aber war das Volk Israel durch das Schilfmeer gezogen. Es hatte sich auf wundersame Weise geteilt – die Freiheit ist jetzt zum Greifen nah. Und die Geschichte erzählt, dass Mirjam anfängt zu singen. Im biblischen Exodusbuch heißt es: „Da nahm Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, eine Pauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen. Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem Herrn singen, denn er hat eine herrliche Tat getan; Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt.“ (Ex 15,20–21)

Mirjam greift zur Pauke und lässt ihren Gefühlen freien Lauf. Was mag sie als Sklavin erlebt haben? Nachdem sie aus der Sklaverei befreit worden ist, greift sie zur Pauke - und es bricht aus ihr heraus. Und vielleicht schwingt in dem Lied mit, wie erleichtert sie ist, wie zornig  oder auch wie beschämt und schmerzerfüllt. Mit Pauken und Trompeten weist sie auf einen Gott hin, den sie an ihrer Seite hofft. Einen Gott, der sich für die Unterdrückten einsetzt. Daran erinnert ihre Musik. Und ihre Musik kann sie überall hin mitnehmen.

Mirjam singt, schlägt die Pauke und spielt triumphierend die Trompete. Negin aus Afghanistan dirigiert ein ganzes Mädchenorchester und spielt Melodien, die trotzig und hoffnungsvoll von einer anderen Welt erzählen. Eines Tages werden sie dies auch wieder tun. Und auch, wenn man nicht selbst musiziert, können vertraute Melodien und Texte wie Mäntel sein, in die man schlüpfen kann. Bachkantaten zum Beispiel sind solche Mäntel. Keine Worte können wirklich ausdrücken, was manche in einer solchen Kantate erleben: tröstlich, vertraut für sie. Ein Kontrapunkt zum Alltag. Die Kantate singt von einer harmonischeren Welt, auch von Trauer und Schmerz. Wonach wir uns sehnen, klingt in den Melodien an. Ich sehe die Menschen aus meiner Familie vor mir: Sonntags am Radio. Jeden Sonntag eine Kantate. Mindestens so wichtig wie der Gottesdienst.

Wenn ich daran denke, dann kann ich mir vorstellen, wie Musik den Duft von Apfelblüten verströmt. Hell, süß voller Sehnsucht. Ein Erinnerungsschatz in den Seelen. Ein Draht in eine andere Welt.

Es gilt das gesprochene Wort.