Ich schäme mich des Evangeliums nicht

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Und was machen Sie so beruflich?

„Ich bin Chefbeleuchter beim Staatstheater.“

Manchmal erwähnte er auch noch irgendeine Aufführung im Staatstheater, sagen wir: Aida, ohne zu wissen, ob Aida überhaupt auf dem Spielplan stand.

Jedenfalls war damit die Frage nach dem Beruf schnell abgehakt.

Der Chefbeleuchter beim Staatstheater jedoch war evangelischer Pfarrer.

Und hatte es privat häufig mit Leuten zu tun, die nun wiederum mit Kirche nichts, aber auch gar nichts am Hut hatten.

Und er wollte diese leidigen Diskussionen vermeiden:

Ach Sie sind evangelischer Pfarrer?

Sie sind doch sonst ganz normal.

Wissen Sie, ich glaube ja nicht an Gott, aber …

Und so weiter…

Mit „Chefbeleuchter beim Staatstheater“ gab es das nicht.

 

Jörg Lauster, Theologieprofessor in München, sagte Ende vorigen Jahres hier im DLF:

„Wenn ich mich bei irgendwelchen Einladungen, Abendessen in meinem Beruf oute, ist der Abend meistens gelaufen. Mir ist es inzwischen von meiner Frau untersagt, mich als Theologe zu outen, weil man von einer Flut von Fragen überrannt wird.“

 

Ich verstehe beide.

Und erinnere mich gleichzeitig an meinen Konfirmationsspruch, der in eine ganz andere Richtung weist. Mit dem Konfirmationsspruch fühlte ich mich ertappt, immer wieder. Er lautet:

„Ich schäme mich des Evangeliums an Jesum Christum nicht.

Denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben.“

 

Damals, 1967, bei der Konfirmation, dachte ich: Das hat der Pfarrer mit Absicht gemacht.

Und fühlte mich ertappt. Denn ich hab mich dafür geschämt, dass ich Religion spannender fand als z.B. Fußball.

Dass ich lieber mit meinem Vater – 50 Jahre älter als ich – in einen Gottesdienst ging als zum Ruder-Training.

Das war 1967. Und Religion war mega out.

Der Gemeindepfarrer erzählte mir später, da studierte ich schon Theologie, er habe die Konfirmationssprüche damals einfach ausgelost. Römer 1,16 war purer Zufall.

Das mit der Scham, dem Evangelium und der Kraft fiel mir zu.

Einfach so.

 

Der voriges Jahr verstorbene Theologe Manfred Josuttis,1936 in Ostpreußen geboren, war vor mehr als einem halben Jahrhundert Pfarrer im Hunsrück.

In einem seiner letzten Bücher erzählt er:

„Der Glaube hat mir Kraft gegeben. Erst im Alter beginne ich zu begreifen, was mehr oder weniger fromme Gemeindeglieder dem jungen Pfarrer vor rund vierzig Jahren anvertraut haben.“(1)

Und Josuttis erklärte sich dieses „Der Glaube hat mir Kraft gegeben“ so:

 

„In den Schrecken des zweiten Weltkriegs,

in den Bombennächten,

auf der Flucht durch Eis und Schnee,

in Gefangenschaft, Krankheit und Einsamkeit haben Menschen eine Grund-Erfahrung gemacht:

Der Glaube schenkt Kraft

zum Leben,

zum Leiden

und auch zum Sterben.“(2)

 

Diese Sätze von Manfred Josuttis haben mich berührt, weil ich das genau so gehört habe.

In den 80er Jahren und Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Von alten Menschen, die nach dem zweiten Weltkrieg in das Dorf gekommen waren, in dem ich damals Pfarrer war. Aus Ostpreußen oder aus Bessarabien.

Ich hab‘ mir das mit 30 oder 40 ziemlich hilflos angehört:„Der Glaube hat mir Kraft gegeben.“

Kraft durch Glauben.

Und ebenfalls erst als älterer Pfarrer kapiert, was damit gemeint ist.

 

Paulus schämte sich nicht, von einer Kraft zu reden, die Menschen selig macht, ja: glücklich, die sie eins werden lässt mit sich selbst (3) und im Einklang mit den anderen, ja mit der gesamten Kreatur (4) leben lässt.

Das aber ist eine Kraft Gottes.

Also eine, über die ich nicht verfüge, die einem zuwächst, geschenkt wird, die man vielleicht üben, aber nicht trainieren kann.

Paulus redet von einer Lebenskraft, einer „power“, wörtlich: Dynamik, einer „verwandelnden Energie Gottes“.

Und diese Lebenskraft macht alle glücklich, Fromme und Distanzierte, Juden und Griechen.

Denn diese Kraft entspringt einem riesigen Ja, das Gott zu uns Menschen sagt - trotz unserer und meiner eigenen Fehler.

Also brauchen sich Christenmenschen des Evangeliums an Jesum Christum nicht zu schämen.

„Denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben.“

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Literaturangaben:

  1. Manfred Josuttis, Kraft durch Glauben, Biblische, therapeutische und esoterische Impulse für die Seelsorge, Gütersloh 2008, 9
  2. a.a.O.
  3. Röm 7
  4. Röm 8

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