Vielsprachigkeit

Morgenandacht

Pieter Bruegel the Elder - The Tower of Babel (1563) - Gemeinfrei via wikimedia commons

Vielsprachigkeit
Pfarrer Jörg Machel
07.06.2022 - 06:35
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Die Sendung zum Nachlesen: 

Welch eine wunderbare Vorstellung aus der Anfangszeit der Bibel: Alle Menschen haben eine gemeinsame Sprache. Kein Missverstehen! Mit einer Stimme sprechen! Damit legt die Menschheit so richtig los – das Turmbauprojekt von Babel ist geboren. „Wir sind die Herren der Welt, gottgleich gewissermaßen“, so triumphieren sie. Doch Gott interveniert. Er verwirrt die Sprachen. Das Projekt der Himmelsstürmer ist gescheitert.

 

Bei genauerem Hinsehen erweist sich auch der Traum von der einen Sprache, dem einen Willen, dem einen gemeinsamen Ziel der Menschheit als ein gefährliches Trugbild. Denn um dieses Zieles willen müssen Unterschiede geleugnet, müssen Abweichungen eliminiert werden. Die Schaffung von Einheit hat immer einen Kampf gegen die Vielfalt zur Folge.

 

Pfingsten ist das Gegenbild zu der einen Sprache, der einen Idee, die alle teilen, alle teilen müssen. Pfingsten bedeutet, sich in der Vielsprachigkeit zu verstehen! Einander in der Verschiedenheit wahrzunehmen - und das auch auszuhalten.

 

Immer wieder begegnet mir die Sehnsucht nach der einen Kirche, in der man sich auf die eine gemeinsame Wahrheit geeinigt hat, in der alle Spaltung überwunden ist. Wie schön wäre es doch, wenn die Katholiken, die Orthodoxen, die Protestanten, die Pfingstler sich jeweils ein Stück zurücknehmen und den Konsens finden, unter dem dann alle „eins“ sind, so träumen viele.

 

Ich teile diesen Traum nicht. Ich liebe die Vielfalt christlicher Kirchen. Jede hat ihre eigene Prägung, jede bringt etwas von der Wahrheit des Evangeliums in ganz eigener Weise zum Leuchten. Natürlich ergeben sich daraus auch Spannungen, man streitet um die Wahrheit. Man beobachtet sich, schaut auf die Folgen, die sich aus den jeweiligen Ansätzen ergeben. Das ist mühsam, ist gelegentlich schwer auszuhalten, wird manchmal polemisch. Aber so geht es zu, wenn man um die Wahrheit ringt.

 

Ist dieses Ringen aber von grundsätzlichem Respekt geprägt und von der Einsicht, dass niemand im alleinigen Besitz der Wahrheit ist, kann daraus Gutes erwachsen.

 

Gern wird auf die Urgemeinde verwiesen. Daran soll man sich doch orientieren, um zur Einheit zurückzufinden. Doch diese Einheit des Anfangs ist ein Mythos, der von der Realität nicht gedeckt ist.

 

Am Anfang stand nicht die eine Kirche, sondern eine Vielzahl an Gemeinden und Gemeindekonzepten. Manche waren sehr von ihrer jüdischen Herkunft geprägt, in einigen Gemeinden lebte man zusammen wie in einer Kommune. Wieder andere muteten geradezu esoterisch an. Am Anfang also eine große Vielfalt!

 

Zuhören und einander wertzuschätzen – das heißt nicht, alles gutzuheißen, was sich unter dem Begriff „Kirche Jesu Christi“ präsentiert. Christen dürfen kritisieren, so wie Christen sich Kritik gefallen lassen müssen. Jede Glaubensrichtung hat ihre Stärken und ihre Schwachpunkte. Die gilt es zu benennen und denen muss sich jede Kirche stellen.

 

Warum war die evangelische Kirche in Deutschland so anfällig für die Ideologie des Nationalsozialismus? Warum hat gerade die katholische Kirche diesen furchtbaren Missbrauch hervorgebracht? Warum neigen die Pfingstgemeinden in Afrika und Südamerika zu einem homophoben Fundamentalismus? Und warum fällt es der orthodoxen Kirche in Russland so schwer, eine eigenständige Position gegenüber dem gleichgeschalteten Staat zu entwickeln?

 

Pfingsten will die Ohren für die Vielstimmigkeit dieser Welt öffnen. Die große Vielzahl von Sprachen, von Gemeinden, von Kulturen, von Lebensentwürfen muss nicht ängstigen. Wenn wir ihr mit Offenheit und Respekt begegnen. Sie erst macht diese Welt bunt und schön.

 

Es gilt das gesprochene Wort.