Vom erlebten Licht

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Je weniger wir lebendiges Wachstum und sinnliche Bewegung erleben, die eine innere Resonanz bei uns finden könnten, desto härter und empfindungsloser leben wir. Der Architekturphilosoph Hugo Kükelhaus hat schon Ende der 80iger Jahre am Beispiel des Lichts gezeigt, wie inneres Erleben zu verkümmern droht. Wie lässt Licht sich erleben, Licht in einem Wald und Licht in der Stadt?

 

Im Wald erlebe ich unwillkürlich und ganz nebenbei, wie sich das Licht der Sonne mal an großen und kleinen Ästen, Zweigen und Blättern bricht. Oder eine Lichtung im strahlenden Licht liegt, und wie ich hineintrete in die Wärme des Lichts oder den Schatten des Baumes genieße. Ich spüre, wie gut die Bewegung ins Licht tut, wie das Erleben von Wärme oder Schattenschutz auch meinen inneren Menschen belebt und inspiriert.

 

Unter den Bedingungen moderner Stadtarchitektur wird Licht oft ganz anders erlebt. Menschen erleben Licht selten oder nie als ein äußeres Sichentfalten. Das Licht auf die Schreibtische, auf Arbeitsplätze und in die Häuser fällt meistens durch große, weite Fenster auf weite, ungebrochene Flächen; je größer, desto besser. Ein allmähliches Durchdringen oder plötzliches Verbergen des Lichts erleben Menschen dabei nicht. Oder aber es gibt nur indirekte Beleuchtung, die gar keine Bewegung mehr kennt. Oder auch kaltes Neonlicht, unter dem sich kaum jemand lebendig fühlt.

 

Licht, das einfach nur da ist, kann nie als Bewegung erfahren werden. Aber genau darauf, auf diese Bewegung – so der Architekturphilosoph – komme es an, dass das äußere Erleben eine innere Resonanz wecke, dass ich in Schwingung versetzt werde, und ich mich lebendig fühle im Sonnenlicht, das sich entfaltet. Fehlen diese nach innen zielenden Erfahrungen, brauchen Menschen permanente Anstöße und Stimuli von außen um sich lebendig zu fühlen und nicht Langweile zu empfinden.

 

Für mich ist die Nürnberger Lorenzkirche ein Gebäude mitten in der Stadt, wo ich Licht als etwas Lebendiges erfahre. Wie es sich entfaltet und ich etwas begreife von Licht und Schatten in mir selbst. Wer dort an einer Führung teilnimmt, trifft sich zunächst an der dunkelsten Stelle der Kirche, direkt hinter dem Hauptportal, wo fast kein Licht hinfällt. Dort begrüßt die Touristenseelsorgerin, während die Gäste mit dem Rücken zum Kirchenschiff stehen. Nach ein paar einführenden Worten fordert sie auf, sich umzudrehen und in der Stille zunächst nur wahrzunehmen, wie es ihnen dabei ergeht, wenn jetzt die Kirche in ihrer ganzen Schönheit und Erstreckung sichtbar ist.

 

Nicht alle lassen sich auf dieses Experiment ein, manche drängen gleich zu den wichtigsten Kunstwerken in der Kirche. Aber ein paar Menschen machen die Entdeckung, dass die Kirche selbst ein Kunstwerk ist, das mit dem Licht spielt und so zu einem Bild für die Bewegung und das Wachsen des Lebens wird.

 

Touristen und Gäste machen sich auf den Weg durch den Mittelgang des Kirchenschiffs. Im Gehen und während des Gehens wird es lichter und heller um sie. Erst fällt noch zögerlich das Licht durch die hoch oben angebrachten Obergadenfenster, aber wenn sie den Hallenchor betreten, strahlt das Sonnenlicht durch die bunten und großen Fenster des Chorumgangs. Dort, wo der Taufstein steht, wo das Abendmahl gefeiert, gesungen und gebetet, wo gekniet und gesegnet wird, da ist das helle Licht in Fülle vorhanden – und doch wird es ab und zu durchbrochen von den Farben auf den Glasfenstern, den Säulen, Wänden und Steinen, den Leuchter-Engeln, dem Engelsgruß des Veit Stoß mit seinen Figuren und dem Kruzifix auf dem Altar.

 

Der Architekturphilosoph hat recht: Es braucht einen Weg, den wir gehen müssen um das Licht zu erleben. Der Weg durch eine Kirche verstehe ich als einen Weg des Lebens: aus der Dunkelheit über Schattengebilde bis in das helle, bunte Licht des Glanzes Gottes. So dass sie sagen können: In diesem Licht darf ich stehen. Alles, was in mir ist, hat einen guten Sinn, und Gott kann alles verwandeln.

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