Die Heiligung der Aussätzigen

Wort zum Tage

Gemeinfrei via unsplash/ Maxime

Die Heiligung der Aussätzigen
mit Ulrike Greim
03.11.2021 - 06:20
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Hallo, guten Tag, ja wie jetzt – Hand schütteln? Nein, Ellenbogen! Ach nee, Faust. Klar, Faust. Hi Kumpel. Wir dotzen kurz mit der Faust aneinander. Oder wie nennt man das: pushen? Egal. Jedenfalls Hallo-Sagen. Ich muss es üben. Es ist bei einer Fortbildung, sie findet endlich wieder in Präsenz statt. Wir begrüßen uns nach langer Zeit wieder, und wir sind alles gestandene Leute, aber wir wissen nicht genau, wie das jetzt geht.

Ich – die Gerne-Hände-Schüttlerin und Umarmerin.

Also frage ich lieber. Biete die Umarmung an denen, die ich kenne und mag.

Gabi will umarmt werden. Gabi ist Witwe. Ihr Mann ist in der Corona-Zeit im Pflegeheim gestorben. Wohl auch an Vereinsamung. Gabi hatte ihr Bestes gegeben, mehr ging nicht. Nun ist sie wahnsinnig allein. Es scheint sie fast physisch zu schmerzen, dass zu all der Trauer und der Einsamkeit zuhause nun auch noch der Entzug der kleinsten Körperlichkeit gekommen ist. Also umarmen? Ja gerne umarmen! Ich bin doppelt geimpft, wir haben die Masken auf, alles prima. Gabi ist erleichtert und ein bisschen froh.

Ganz anders bei Dorothea. Sie sagt, wie froh sie ist, auf Distanz bleiben zu dürfen. Wie ihr das Händeschütteln und erst recht das Umarmen schlicht viel zu viel war. Faust? Ja, Faust.

Bei vielen merke ich die Beklommenheit. Nicht wissen, wie man Kontakt aufnimmt, hat bei ihnen zu Folge, gar keinen Kontakt aufzunehmen. Sie kommen zur Tür rein, sagen Hallo an alle, setzen sich hin. Ohne mich anzuschauen, ohne ein Kopfnicken, was ja wohl ginge.

Und ich merke: Da fehlt was.

Gesehen werden, Angenommen-Sein – das ist etwas für den ganzen Menschen, Seele und Körper. Das geht nicht gut auf Distanz. Da bleibt eine Lücke, die mit der Zeit ein riesiges klaffendes Loch werden kann. Das Gefühl, nicht dazuzugehören. Ausgesetzt zu sein, ja, aussätzig sein.

 

Aber alle wollen doch angenommen sein, dazugehören. Mittendrin sein. Und ich kann auch andere annehmen, an-mich-nehmen.

Dass das Leben nur mit anderen geht, und dass man das fühlen muss, das ist doch klar, oder? Jemand sagte, er denke, dass wir nie wieder dahin zurückkehren, und dass das so auch o.k. sei. Was? Nein! Bitte nicht! Wer keine nahen Freunde hat, die ihn mal feste drücken – wie soll er merken, dass er Teil eines größeren Ganzen ist?

Leute wie ich, die Familie haben, ahnen gar nicht, wie verloren man sich fühlen kann, wenn einen niemand berührt. Nur die Friseurin. Und man kann das ja so schwer sagen: Ich brauche Dich, ich brauche Euch. Bitte nehmt mich mal kurz in den Arm!

Bei Geli ist es so, dass sie von sich aus sagt: Ja, bitte umarmen. So haben wir uns feste gedrückt.

Wie beim Aussätzigen in der Bibel, der es direkt ausspricht, was er will. Und Jesus berührt ihn und der Aussatz verschwindet.

Manchmal ist es eine Berührung, die vom Ausgesetztsein befreit. Eine Umarmung, die sagt: Na klar gehörst Du dazu. Zu uns, zu allen, zum Leben.

Es gilt das gesprochene Wort.