Aufrichten bis in tiefe Schichten

Wort zum Tage

Gemeinfrei via unsplash/ Jon Flobrant

Aufrichten bis in tiefe Schichten
mit Ulrike Greim
13.07.2022 - 06:20
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„Stellen sie sich bitte einmal aufrecht hin“, sagt die Physiotherapeutin. „Ganz aufrecht.“Jonas bemüht sich. Aber offen gestanden weiß er nicht genau, wie aufrecht geht. Es zwickt hier und drückt da. „So, stehen sie ganz gerade?“, fragt sie forschend. Er nickt. „Dann nichts verändern bitte, und schauen sie jetzt einmal nach rechts in den Spiegel.“ Er erschrickt. Ganz krumm steht er da, Hüfte nach vorn gekippt, Schultern hängen, Kopf nach vorn gebeugt. Uff. Das also bin ich, denkt er. Du liebe Güte! Wie ein alter Mann, eher 74 statt 34. Er hatte sich noch nie so gesehen. Immer in die Arbeit gestürzt, die Abteilung aufgebaut, Nächte durchgeackert, sich sprichwörtlich krumm gelegt für den Betrieb, richtig was geleistet, 17 Menschen managt er. Meist vom Laptop aus. Und jetzt meldet sich die Bandscheibe. Und die schwere Erschöpfung. Mit 34. Ein bisschen früh, findet er. „Na, dann wollen wir sie mal aufrichten“, sagt die Physiotherapeutin und beginnt mit ihrem Programm. Sie scheint einen Plan zu haben und fängt mit den Füßen an.

 

Aufgerichtet-Sein – das ist weit mehr als ein Muskeltraining. Das ist etwas, was tief geht bis in die innere Verfasstheit. Stehe ich stabil auf dem Boden, im Leben? Was hält mich? Und: Habe ich Kraft in der Mitte? Jonas kommt es vor, als würde er gerade alles wie zum ersten Mal buchstabieren. Ohne Hilfe ginge es nicht. Er erwartet keine Wunder. Wobei es die gibt. Als Jesus eine verkrümmte Frau sieht, spricht er sie an. Er nimmt sie bei der Hand und sagt: „Frau, du bist erlöst von deiner Schwäche.“ Er legt ihr die Hände auf und die Frau richtet sich gerade auf und lobt Gott. Ein Wunder. Nachzulesen bei Lukas, Beiname: „der Arzt“. (Lukas 13)

 

Was ist dieser Moment, der ihr hilft, sich aufzurichten? Vermutlich, dass jemand ihre Not sieht. Sie sieht. Ganz bestimmt, dass er sie berührt, sie an der Hand nimmt, ihr etwas Wunderbares zusagt. Bei Jonas wird es etliche Monate brauchen. Training, Bewusstsein, begnadete Hände der Therapeutin, ein offenes Ohr seines Beraters. Er wird alles infrage stellen, den Job, seine Haltung zum Geldverdienen, zu sich selbst, zu Gott und zur Welt. Seine Position als Chef. Sieht er alle, für die er zuständig ist? Wird er ihnen gerecht? Er wird nachfragen und schmerzliche Gespräche führen. Er wird sich – fast unmerklich - aufrichten. Wirbel für Wirbel. Am Ende das Gesicht. Und eines Tages aus der Praxis gehen und merken, dass er wieder Himmel sieht über den Giebeln.

Es gilt das gesprochene Wort.