Ausgeschlossen

Geschichten von Obdachlosen
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Kalt ist der Januar. Vor allem morgens beim Aufstehen. Da will ich nicht raus aus den Federn. Bleibe lieber liegen im Warmen, die Daunendecke bis zur Nasenspitze hochgezogen. Und dann denke ich an Abate. Abate hat keine Daunendecke. Auch kein eigenes Bett, kein Schlafzimmer, geschweige denn eine Wohnung. Abate lebt auf der Straße. Seit mehr als 10 Jahren.

 

Über eine halbe Million Menschen sind in Deutschland ohne feste Bleibe: auf der Straße, in Notunterkünften oder Heimen für Wohnungslose. Die Dunkelziffer ist höher. Abate aus der Mongolei lebt illegal in Deutschland. Er ist nirgendwo registriert. Sein Name taucht in keiner Statistik auf. Doch es gibt ihn. Ich bin ihm in einer Notübernachtung in Berlin begegnet. Freundlich und bescheiden saß er dort in einer Ecke und las Zeitung. Und hat mir später seine Geschichte erzählt. Eine der Geschichten, von denen meine Stadt voll ist und die trotzdem kaum einer kennt, obwohl Berlin als Stadt der Obdachlosen gilt. Es sind keine schöne Geschichten. Sie sind verstörend und traurig. Sie sind erschreckend. Sie gehen einem nahe. Man vergisst sie nicht. Vielleicht hören wir darum so oft weg, wenn einer bettelt, schalten auf Durchzug oder geben lieber eine Münze statt ein Wort. Vielleicht ahnen wir: Es kann ganz schnell gehen – als ob man die Schlüssel vergisst. Man zieht die Tür hinter sich zu und steht draußen auf der Straße: Ausgeschlossen. Kein Dach über dem Kopf. Keine Privatsphäre. Wohnungslos – bis der Schlüsseldienst kommt. Manche standen immer schon draußen. Ausgeschlossen. Ohne Chance. Ohne Schlüssel zu einem besseren, zu einem wärmeren, zu einem erfolgreichen Leben.

 

Fast jeder von uns geht täglich an diesen Menschen vorbei. Oft schauen wir weg: vorbei an Tüten und Flaschen, an provisorischen Schlafstätten und vom Wetter und Alkohol gegerbten Gesichtern. Wie landet man auf der Straße? Das kann schnell gehen: eine Erkrankung, ein Schicksalsschlag, eine Schwäche, die andere ausnutzen. Nicht genug Hornhaut auf der Seele. Nicht genug Durchsetzungsvermögen für unsere Leistungsgesellschaft. Manche nehmen Hilfe an. Mit der Unterstützung von Sozialarbeitern tasten sie sich langsam zurück ins Leben, bis sie vielleicht eines Tages den eigenen Wohnungsschlüssel in der Hand halten. Viele aber schaffen es nicht.

 

Einige von ihnen werden in dieser Woche hier ihre Geschichte erzählen: mal schüchtern, mal stammelnd, mal lallend, mal selbstbewusst. Abate ist einer von ihnen. Ich bitte Sie: Hören Sie zu. Und lassen Sie sie dann für einen Moment bei sich rein.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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