Sich rühren lassen

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Morgen, am 23. Dezember, ist der 100. Geburtstag von Helmut Schmidt. Der sogenannte Altkanzler: ein Mann mit Kante, klaren Positionen, streitbar und streitlustig. Und für mich: Auf sympathische Weise religiös und evangelisch.

 

Ich erinnere mich an zwei Dinge, die ich gelesen habe.

Einmal: Helmut und Loki Schmidt sind in Leipzig. Sie haben einen freien Abend und besuchen inoffiziell die Aufführung einer Bachkantate in der Thomaskirche. Von ihrem Platz aus blicken sie durch die Kirche und entdecken eine einzelne langstielige Rose, die auf einer Grabplatte liegt. Die Grabplatte trägt den Namen Johann Sebastian Bach und seine Lebensdaten.

Helmut Schmidt selbst schreibt darüber: „Mich ergriff eine unbeschreibliche Rührung und Erregung. Ich hatte Mühe, mich selbst in Disziplin zu nehmen…Dieser Moment: Bachs Musik im Ohr, die Thomaskirche, die Grabplatte“. (Schmidt, Religion und Verantwortung, 70, bearbeitet)

 

Die zweite Begebenheit: Helmut Schmidt besucht offiziell das Grab eines Weggefährten und Freundes, der früher Bischof war. Er erzählt: „An der Grabplatte kamen mir die Tränen bei der Erinnerung an diesen weisen Mann – und um die Tränen zu verbergen, machte ich zu meinem Begleiter irgendeine burschikose Bemerkung.“ (Religion und Verantwortung, 21)

 

Helmut Schmidt war keiner, der Kreuze in Behörden aufhängen ließ oder sein Christentum vor sich her posaunte. Sein Politikersein hat er von seinem Christsein unterschieden. Er hat eine diskrete Form von Religion und Christentum gelebt.

Und stellt mir damit vor Augen: Unter manchem Burschikosen liegt ein Gerührt- und Bewegtsein. Hinter manchem betont distanzierten Benehmen verbirgt sich ein Ergriffen-Sein. Das ist etwas ganz Persönliches, manchmal sogar Intimes.

 

Übermorgen am Heiligen Abend werden viele Kirchen überfüllt sein. Wie schön! Ich freue mich, dass Weihnachten so viele Menschen anzieht. Auch solche, die das Jahr über ein eher diskretes Christsein leben.

 

Niemand kann in andere hineinschauen. Der, der in der Christvesper mit dem Handy spielt oder mit der Nachbarin redet, vielleicht muss der gerade damit umgehen, dass er gerührt ist, dass in ihm etwas geschieht. Mit dem Gerührt-Werden vom Ewigen muss man umgehen – und das ist gar nicht so leicht.

 

Trotzdem: Ich wünsche mir das zu Weihnachten: Dass ich gerührt werde vom Ewigen.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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