Zeitbewusstheit

Wort zum Tage
Zeitbewusstheit
mit Olav Metz
08.10.2021 - 06:20
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Eigentlich sollte jeder Mensch zwei Zettel bei sich tragen. Auf dem einen sollte stehen: Ich bin Asche und Staub. Auf dem anderen: Die Welt ist eigens für mich geschaffen. Das hat der polnische Rabbi Simcha Bunim vor etwa 300 Jahren seinen Zeitgenossen geraten.

 

Dieser Rat ist mir gerade in einem Buch von Marcia Bjornerud begegnet. Sie ist Geologin, ihr Buch trägt den Titel Zeitbewusstheit und der hat mich neugierig gemacht.

 

Die Autorin will mit diesem Buch den Zeithorizont bewusst machen, in dem wir Menschen eigentlich leben: Wenn wir auf das All, die Erde und ihre Geschichte schauen – und davon weiß sie als Geologin viel zu erzählen – dann sind wir Menschen ein Nichts, ein Staubkorn im Universum. Andererseits können wir gerade deshalb eigentlich immer wieder nur staunen, dass es uns überhaupt gibt. Denn zum Beispiel unsere Atmosphäre, von der wir alle ja ganz selbstverständlich leben, ist bei Lichte besehen ein relativ junges Produkt der Erdgeschichte und keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

 

Dass es uns Menschen überhaupt gibt, ist erdgeschichtlich betrachtet also eigentlich eine Sensation. Leider nehmen wir das nur selten wahr. Und das liegt an unserer Zeitbewusstheit, oder besser, unserer Zeitunbewusstheit: Wir sehen meist nur auf unser Hier und Heute, die Spanne des Tages, des Jahres, maximal die unseres Lebens. Aber wir verlieren darüber aus den Augen, dass wir als Menschen und als Menschheit eingebettet sind in das weit größere Gesamtgefüge des Alls, der Welt und des Lebens.

 

Diese viel größeren Dimensionen Gottes und seiner Welt und unsere Abhängigkeit von ihnen machen wir uns nur selten bewusst. Wir leben, als seien wir von all dem unabhängig. Und darüber droht uns die Welt als Lebensraum zu zerbrechen, eben weil wir zu kurz und oft nur an uns denken.

 

Daran - so sagt Marcia Bjornerud - muss sich dringend etwas ändern. Deshalb plädiert sie für „Zeitbewusstheit“. Und deshalb möchte ich ihnen und mir heute diese beiden Zettel von Rabbi Bunim in die Taschen schieben:

 

Ich bin Asche und Staub. Diese erste Einsicht kann mich bewahren vor dem menschlichen Hochmut, den ich oft an den Tag lege, eben weil ich eigentlich nur ein Staubkorn im All bin. Der zweite Zettel Die Welt ist eigens für mich geschaffen. kann Dankbarkeit wecken. Und er kann mich bewahren vor der Ausrede, ich sei für diese Welt und was mit ihr passiert nicht verantwortlich - eben weil sie für mich geschaffen ist.

 

Ich bin Asche und Staub. Und Die Welt ist eigens für mich geschaffen. Beide Sätze reiche ich heute an sie weiter. Weil wir Zeitbewusstheit brauchen, damit uns unsere Zeit und unsere Welt nicht unter den Fingern zerrinnt.

 

Es gilt das gesprochene Wort.