Die Familie rückt an. Sie macht sich Sorgen um ihren Ältesten, der ein Aussteiger-Leben führt. Und der – lässt sich nicht beeindrucken. Er definiert ganz eigen, wer seine Familie ist. Jesus und sein spezieller Sinn für Familie.
Sendetext:
Es gibt diese Szene in den Evangelien, wo die ganze Familie anrückt – die Mutter und die Geschwister. Sie wollen ein ernstes Wort mit ihrem Ältesten sprechen, der plötzlich als Wanderprediger und Heiler durch Galiläa tourt, Schüler um sich versammelt und durch gezielten Regelverstoß von sich reden macht. Ob der gute Ruf auf dem Spiel steht? Ob sie sich einfach Sorgen um seine psychische Gesundheit machen? Jedenfalls spielen sie die Familienkarte. Doch Jesus lässt sie abblitzen. Als es heißt, deine Familie ist da und fragt nach dir, reagiert Jesus harsch: "Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder?" (Markus 3,33)
Jesus zeigt keinen Familiensinn. Blut ist ihm nicht dicker als Wasser. Im Gegenteil. In einer Zeit, in der die Großfamilie das soziale Netz sichert, steigt er aus diesen Bindungen aus – und gründet eine Freundesfamilie. Ein Netzwerk. Unterschiedliche Männer und Frauen, für die und mit denen er eine andere Welt träumt. Ein Vaterhaus mit vielen Wohnungen, ein Reich, in dem Gerechtigkeit und Friede sich küssen, eine Ordnung der gegenseitigen Liebe, die niemanden ausschließt. Er lehrt sie, zu G‘tt "Papa" zu sagen, er lehrt sie zu vergeben, er lehrt sie, auf Sicherheiten zu verzichten. Er lehrt sie, geistesgegenwärtig zu leben. Ob er das von seinem Patchworkvater Josef gelernt hat? Der war übrigens bei der besorgten Familiendelegation nicht dabei.
Der 1. Mai ist Josefstag bei den römisch-katholischen Glaubensgeschwistern. Evangelische Grüße gehen raus. Man gedenkt an den Handwerker, den hart körperlich arbeitenden Mann an der Seite Marias. Josef ist ein "Tekton". Das ist das griechische Wort für einen, der Häuser entwirft und baut. Zimmermann, übersetzt Martin Luther.
Josef ist ein interessanter Mann. Verlässlich, sensibel, religiös verankert: Träume sind ihm eine Sprache G‘ttes. Er hört auf sie, schluckt seine verletzten Gefühle herunter, als er erfährt, seine Verlobte Maria ist schwanger und das nicht von ihm. Josef sorgt dafür, dass der kleine Jesus mit seiner Mutter ein Leben hat. Wird Patchworkvater mit Kuckuckskind. "Lasst die Kinder zu mir kommen", wird Jesus später lehren. Hat er vielleicht auch von Josef gelernt.
"Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder?", fragt Jesus. Er ist wirklich kein Familienmensch im herkömmlichen Sinn. Er öffnet Familie und macht sie zu einem geistlichen und ethischen Projekt. Es geht ihm nicht um Herkunft, sondern um Zukunft. Nicht um Abstammung, sondern um Haltung. Das ist anspruchsvoll. Wie beantwortet er seine Frage? "Wer G‘ttes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter." In diesem Sinn: Willkommen in der Familie!
Es gilt das gesprochene Wort.
Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage!