Stolpersteine vor dem Nachbarhaus. Gedenktafel für die Mauertoten an der Spree. Die Namen ertrunkener Geflüchteter. Sie alle erinnern daran: Jeder Mensch zählt.
Sendetext:
Für mich sind und bleiben es "Stolpersteine", die da vor unserem Nachbarhaus liegen. Gelegentlich unterbreche ich meine Wege und verweile vor den beiden Messingplatten. Zum stillen Gedenken lese ich die Namen: Margarete Riesenfeld und Hedwig Engel. Beide 1942 in Treblinka ermordet. Wie war das damals für die Nachbarn, als die Frauen mit kleinem Gepäck die Wohnung verlassen mussten? Als neue Nachbarn kamen und man nichts mehr von den bisherigen hörte, aber alle munkelten?
Am Spreeufer in Berlin ganz in der Nähe unseres Hauses ist eine Gedenktafel aufgestellt. Sie erinnert an den fünfjährigen Siegfried Kroboth, an den sechsjährigen Giuseppe Savoca und den fünfjährigen Çetin Mert. Sie ertranken 1973, 74 und 75, weil der Fluss an dieser Stelle DDR-Hoheitsgebiet war und die Grenzsoldaten von ihren Wachtürmen aus alle Rettungsversuche verhindert haben. Auch da frage ich mich: Was mag in den Soldaten vorgegangen sein, was in den hilflosen Helfern?
Die Messingplatten und die Gedenktafel sind da, damit wir nicht vergessen. Der Holocaust und der Schießbefehl sollen nicht abstrakt erinnert werden. Wir sollen wissen, dass es um ganz konkrete Menschen geht, Menschen mit einem Namen und mit einem Tod, der uns mit Scham erfüllen sollte.
Auf einer Seite von Deutschlandfunk Kultur steht: "Kein Jahr hat für Migranten im Mittelmeer tödlicher begonnen als 2026. Weil sich EU-Länder bei der Rettung von Menschen in Seenot zurückhalten, springen zivile Organisationen mit ihren Schiffen ein. Doch ihre Arbeit wird immer schwieriger." (1) Und jetzt bin ich Zeitgenosse. Wie reagiere ich auf das, was da vor unserer Haustür geschieht?
Wie seit Jahren schon wurden auch in diesem Sommer in der Passionskirche in Berlin-Kreuzberg die Namen von Menschen verlesen, die auf der Flucht nach Europa gestorben sind. "Beim Namen nennen", so heißt die Aktion. 24 Stunden lang erklingt Name auf Name und, so weit bekannt, die Herkunft der Verstorbenen und die Umstände ihres Todes. Erinnert wurde an: Abdou Diop aus dem Senegal, Anfang Juli 23 ertrunken, als sein Boot auf dem Weg zu den Kanarischen Inseln kenterte. An Michael, einen siebenjährigen Jungen aus dem Sudan, der im Juli 2025 in der Nähe von Griechenland ertrunken ist. An Fadi Ben Sassi, einen 20-jährigen Mann aus Tunesien. Im November 24 beging er Selbstmord in einem italienischen Gefängnis. Er hat die Haftbedingungen für irregulär ankommende Migranten nicht ertragen.
Ich sehe den Skandal, dass Europa Menschen ertrinken lässt oder in die Verzweiflung treibt. Und ich sehe den Skandal vor meiner Haustür am Görlitzer Park, wo junge Männer aus Afrika unseren Konfirmandinnen und Konfirmanden Drogen aufdrängen und damit den Zorn nicht nur der Eltern auf sich ziehen. Die Polizei versucht, dem Drogenhandel Herr zu werden mit gelegentlichen Razzien und einem Zaun um den Park. Das nützt höchstens punktuell etwas. Viel sinnvoller wäre es in meinen Augen, den jungen Männern eine Berufsperspektive zu bieten.
Es gibt keine einfachen Antworten. Schlimm ist es aber, so zu reden, als gäbe es sie und sich einer realistischen Suche nach Lösungen zu verweigern. Lösungen, die beherzigen: Jeder Mensch hat einen Namen. Jeder Mensch hat eine Geschichte.
Es gilt das gesprochene Wort.
Literatur zur Sendung:
(1) https://www.deutschlandfunkkultur.de/helfer-im-mittelmeer-italien-blockiert-zivile-seenotrettung-100.html
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