"Viel Glück und viel Segen" wünschen viele zum Geburtstag. Auch im "Tschüss!" steckt ein Segenswunsch. Was bedeutet Segen? Und was ist mit seinem Gegenstück, dem Fluch?
Sendetext:
Rebekka Wackler:
"Ich glaube, viel Glück und viel Segen, das wünschen sich alle Menschen, singen sie sich zu in der Kita, in der Schule, überall - und mit Segen, da kann man was anfangen. Segen ist nicht so‘n großes theologisches Wort, wo man nicht weiß, was es eigentlich bedeuten soll. Vielleicht hat man mit Segen auch nicht ne konkrete Vorstellung, aber man hat ein Gefühl: Es ist auf jeden Fall was Gutes, und es ist was, was ich anderen wünsche, die mir wichtig sind, und ich glaube, darüber kommen dann die Menschen gut und gerne mit uns als Kirche in Kontakt."
Sagt Pfarrerin Rebecca Wackler. Sie ist die richtige Kontaktperson für Menschen, die sich Segen wünschen, auch wenn sie der Kirche nicht nahestehen. Zusammen mit zwei Kolleginnen leitet Rebecca Wackler in Berlin ein Segensbüro der Evangelischen Kirche. Auch wenn es Büro heißt, ist es kein karges Amtszimmer, sondern eine helle, bunte Kirche mitten im quirligen Stadtteil Berlin-Neukölln. Statt der üblichen Holzbänke laden hier bunte Sitzkissen zum Verweilen ein. Vor der Kirche lässt es sich in einem Café gut plaudern.
An diesem schönen Ort kommt es immer wieder vor, dass Menschen in der Tür stehen und sagen: "Ich hab gehört, hier kann man einen Segen bekommen." Und das können sie. Der Segen ein Geschenk, das alle bekommen können. Er gehört der Kirche nicht. Sie verwaltet ihn auch nicht. Aber die Kirche kann Räume öffnen und Gelegenheiten bieten, bei denen Menschen Gottes Segen erfahren.
Viel Glück und viel Segen… Glück kann man haben oder auch sein Glück machen - Segen kann man nur empfangen:
Rebekka Wackler
"Im Segen zeigt sich Gottes Zuwendung zu uns. Im Segen wird mir zugesprochen, dass ich angesehen bin von Gott. Und das wird mir eben nicht nur zugesprochen, sondern im besten Fall passiert es in dem Moment. Also, es ist wie ein Raum, der sich eröffnet, und in diesem Raum bin ich angesehen mit allem, was ich bin und was ich mitbringe, mit allem, was gelingt, aber genau so mit meinen Brüchen, mit meinen Scheiter-Momenten, die ich genauso in mir trage. Und das alles ist gesehen und es ist gesagt: Es ist o.k. und gut."
Ein Raum, in dem ich geborgen bin, ohne irgendetwas leisten und beweisen zu müssen, der öffnet sich da, wo Menschen einander feierlich und ernsthaft den Segen zusprechen, ihre Verbundenheit mit Gott, dem Schöpfer zum Ausdruck bringen. Mit dem Segen verbindet sich auch der Wunsch nach Bewahrung, nach Gelingen und Lebensfülle. Wer sich segnen lässt, weiß: Das alles habe ich nicht in der Hand - ich kann das Gelingen meines Lebens nicht selber machen. Aber ich muss es auch nicht selber machen. Ich muss nicht alles planen und dann hadern, wenn es nicht klappt. Geborgen und bejaht bin ich schon vor allen meinen Bemühungen.
Wenn jemand zu mir sagt "Gott segne dich", dann höre ich: Gottes Zuspruch begleite dich! Diesen Zuspruch brauche ich besonders bei den Neuanfängen und Wendepunkten des Lebens. Für viele auch, wenn es um das Leben zu zweit geht. Im Berliner Segensbüro findet jedes Jahr ein großes Fest statt, bei dem sich Paare segnen lassen können - auch wenn sie nicht beim Standesamt waren und gar nicht Mitglieder der Kirche sind. Dazu gehört ein kleines Ritual, das in besonderer Weise zum Ausdruck bringt, was der Segen bedeutet:
Rebekka Wackler:
"Die Paare ziehen drei Bänder, also drei Fäden einfach, die werden oben verknotet. Und dann ist der Kern eigentlich ein Flechtritual, wo eben diese drei Bänder vorkommen und wo die Paare sich gegenseitig was zusprechen und dabei ein Band flechten, wo sie ihre Liebe reinflechten und ihr Leben symbolisch ineinander flechten und eben auch ein drittes Band - wir sagen Gott - mit reinflechten, in ihr Leben, in ihre Beziehung."
Gott mit reinflechten - ins Leben, in alle Beziehungen. So lässt sich der Segen beschreiben. Wo das geschieht, berührt das auch Außenstehende. Rebekka Wackler erzählt:
"Wir hatten mal ne Frau, die saß so am Rand den ganzen Tag über, und irgendwann hab ich sie angesprochen und gefragt, was sie hier macht, und sie meinte: Ich sitze hier und sauge die Liebe auf. Es tut mir so gut. Hier einfach nur zu sitzen und zu sehen, was für ein Glück hier in der Luft liegt. Und das find ich, hat sie schön gesagt, weil so find ich das auch."
Lass es Liebe sein - der Song von Rosenstolz schallt über den Neuköllner Herfurthplatz, wenn dort Hochzeit gefeiert wird. Lass es Liebe sein - das ist im Grunde wohl der Sinn allen Segens. In der Bibel bedeutet der Segen ja nicht nur Zuspruch. Segen befähigt die Menschen auch. Er lässt sie spüren: Ich bekomme die Kraft für das, was vor mir liegt. In der Schöpfungsgeschichte wird erzählt: Gott segnet erst die Tiere und dann die Menschen. Er beruft sie damit zu seinen Partnerinnen und Partnern, die mitwirken dürfen in seiner Schöpfung. Da heißt es:
"Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und bemächtigt euch ihrer. Waltet über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!"
(Genesis 1, 28)
Gottes Segenskraft ermöglicht es den Menschen, wie Gott selbst schöpferisch zu sein und selbstständig mit den Gütern der Erde umzugehen. Der Segen befähigt sie zur Liebe - so ist es Gottes Wille. Der Segen schenkt ihnen auch Macht. Und das ist nun doch gefährlich. Die Bibel weiß - und wir wissen es auch: Die menschliche Fähigkeit zur Macht kann sich sehr verirren. Sie wird missbraucht da, wo vergessen wird, dass sie doch Gottes Segenskraft ist. Dann wollen Menschen sein wie Gott. Der Auftrag, die Schöpfung im Miteinander zu verwalten, wird verkehrt - in Hierarchien, Gewalt, Ausbeutung.
So kommt der Fluch in die Welt - das Gegenstück zum Segen, das Böse, die Gefahr und Bedrohung. Die Bibel erzählt vom ersten Brudermord, von der menschlichen Hybris beim Turmbau zu Babel. Es ist nun längst nicht mehr alles gut in Gottes Schöpfung - und die Menschen, die sich im Unheil verfangen, sehnen sich nun erst recht nach Segen. Sie sind segensbedürftig bis zum heutigen Tag. Aber sie sollen auch nicht gottverlassen bleiben, wenn sie sich denn von Gott ansprechen lassen, wenn sie seinen Zuspruch und Anspruch hören - so wie Abraham, der Urvater des Glaubens. Es wird erzählt, wie mit ihm Gottes Segenswille auch in der Fluch-bedrohten Schöpfung weiterwirkt:
"Gott sprach zu Abram: Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in das Land, das ich dir zeigen werde! 2Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. .... In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden."
Genesis 12, 1- 3
Bei Abraham und seiner Frau Sara gehört zu einem gesegneten Leben ein Aufbruch. Denn die Gegebenheiten des Lebens im Vaterland und in der eigenen Verwandtschaft können den Horizont einengen, verführen zur Anpassung an eine Wirklichkeit, die Gottes Wille nicht ist.
"Geh fort!" – "Brich auf!" Das muss nicht heißen, lebenslang wie Sara und Abraham unterwegs zu sein. Auch wer sesshaft ist, kann innerlich immer wieder aufbrechen, kann sich selbst und die gegebenen Verhältnisse in Frage stellen. Kann sich lösen von falschen Wertvorstellungen und übertriebenen Ängsten.
Brich auf! Das bedeutet auch Befreiung von den Zwängen, in die du dich unter den gegebenen Verhältnissen verwickelt hast. Vertraue dem Gott, der dir das Leben schenkt und dich am Leben hält. Geh ihm entgegen, der Frieden und Freiheit für seine Geschöpfe will.
Gott sagt zu Abraham, was die ersten Menschen im Paradies wohl noch nicht so richtig verstanden haben: Du sollst ein Segen sein. So wie du gesegnet bist, sollst und darfst du den Segen auch weitergeben: deine Mitmenschen stärken, bejahen, ihnen Mut zusprechen. Du sollst ein Segen sein - das bedeutet: Lass es Liebe sein. Und dieses "Du sollst" muss ja nun keine Last sein. Es ist vielmehr ein Auftrag, der das Leben ausrichtet und Sinn stiftet.
Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen. Ein altes Kirchenlied, das vom Segen singt. Es verspricht "freien Heldenmut" allen, die Gottes Zuspruch und Gottes Zutrauen ganz bei sich ankommen lassen. Sie wissen: Der Segen verbindet mich mit dem Schöpfer. Zu ihm gehöre ich - darum kann niemand sonst Macht über mich haben.
Das kann dann auch bedeuten, sich um Gottes Willen den Gewalttätern dieser Welt zu widersetzen - so wie es der Theologe Dietrich Bonhoeffer getan hat. Manchmal, so wusste Bonhoeffer, bedeutet Gesegnet-Sein: mit Gott am Unrecht der Welt mitzuleiden. Das hat er getan im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Er wusste, dass er damit sein Leben riskiert. Seine Briefe und Texte aus dem Gefängnis zeigen: Bis zur Hinrichtung war Bonhoeffer gewiss, bei Gott geborgen zu sein.
Wer sich mit Gott in Beziehung weiß, soll aber auch alles Schöne und Gelingende auf Erden dankbar genießen - und sich darin gesegnet erleben. Gottes Segen wirkt seit dem ersten Schöpfungstag in allem, was wächst, gedeiht und gelingt. Wenn wir einander den Segen zusprechen, dann bringen wir zum Ausdruck: Wir sind gesegnet. Allen Menschen und der ganzen Schöpfung gilt der Segen. Alle Menschen können einander den Segen zusprechen. Und in gewisser Weise tun wir das auch immer, wenn wir einander Beachtung und Aufmerksamkeit schenken. Tun es auch, wenn wir uns ganz alltäglich zurufen: "Mach's gut!" oder "Hab dich lieb".
Das passiert alle Tage. Aber manchmal brauche ich einen besonderen Ort und eine besondere Zeit, um Gottes Segen zu spüren. Ein solcher Ort und eine solche Zeit ist für mich der Gottesdienst. In vielen evangelischen Kirchen geht der Gottesdienst an jedem Sonntag zu Ende mit den Worten:
"Gott segne dich und behüte dich.
Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Gott hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden."
Das sind Worte aus der Bibel, die ursprünglich dem Volk Israel galten. Die Israeliten brauchten immer wieder Zuspruch und Ermutigung nach ihrem Auszug aus der Sklaverei in Ägypten auf ihrer langen Wanderung durch die Wüste. Auch ich brauche Zuspruch für meine Wege in die neue Woche. Manchmal fürchte ich, dass eine Wüstenstrecke vor mir liegt voller Mühen und Herausforderungen.
Oft vergesse ich die Freiheit, die Gott mir schenken will. Dann bestärken mich die alten biblischen Segensworte: Gott segne dich und behüte dich. Sie geben mir Zuversicht, helfen mir, herauszufinden aus übler Laune und Klagemodus. Sie erinnern mich: Du darfst ein Segen sein. Und du darfst wissen: Du musst nicht alles selber machen - du wirst ja mit Lebenskraft beschenkt. Du musst dich auch nicht beweisen: Dir gilt Gottes Ja - auch wo du schwach bist. Und du darfst auf den Frieden hoffen, das Heilwerden für dich und alle Welt.
Gottes Segen, das Angesicht, das über dir leuchtet. Das ist so gewiss wie die Sonne, die jeden Tag aufgeht und die ja auch da ist an den Tagen, an denen du sie nicht sieht.
Es gilt das gesprochene Wort.
Musik der Sendung:
1. Rosenstolz, Lass es Liebe sein
2. Alles ist an Gottes Segen... (Nürnberg 1676)
Literatur der Sendung:
1. Christoph Spehr, Leiblicher und geistlicher Segen. Luthers Auslegung des Aaronitischen Segens aus dem Jahr 1532. Eine Übertragung. Zeitschrift Luther 87 (2/2016) S. 71