Wort zum Tage
Gemeinfrei via Unsplash/ Greg Rosenke
Wir reisen gemeinsam
von Pfarrerin Melitta Müller-Hansen
02.06.2023 06:20
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Vergesset nicht

Freunde

wir reisen gemeinsam

So beginnt ein Gedicht von Rose Ausländer. Sie hat was vom Reisen verstanden, auch in seiner Bitterkeit. Wenn jemand dazu genötigt ist, eine Reisende zu sein, weil sie von zu Hause vertrieben wurde. Rose Ausländer, geboren 1901, Jüdin aus dem Buchenland, Bukowina, Czernowitz. Sie hat in New York gelebt, und kehrt wegen ihrer kranken Mutter zurück ins damalige Rumänien. Wird ins Ghetto gesteckt, überlebt in einem Kellerversteck. Und es heißt, sie hätte dann zeit ihres langen Lebens nur noch aus Koffern gelebt. In Hotelzimmern. Nur noch im Wort hat sie eine Bleibe gefunden, so hat sie es selbst gesagt. Und in ihrem Wort finde ich als Leserin, Hörerin ein Zuhause, eine Bleibe, eine Wahrheit, die mich zutiefst überzeugt und mich trägt.

 

Vergesset nicht

Freunde

wir reisen gemeinsam

 

besteigen Berge

pflücken Himbeeren

lassen uns tragen

von den vier Winden

 

Vergesset nicht

es ist unsre

gemeinsame Welt

die ungeteilte

ach die geteilte

 

die uns aufblühen läßt

die uns vernichtet

diese zerrissene

ungeteilte Erde

auf der wir

gemeinsam reisen.

 

Ich habe dieses Gedicht zum ersten Mal entdeckt, als ich in Regensburg die neue Synagoge besucht habe. Im Zentrum dieser Stadt, auf dem Neupfarrplatz, liegen Quader, Kreise, Rechtecke aus Stein. Dani Karavan hat hier den Grundriss der alten Synagoge in Erinnerung gerufen. Vergesset nicht! Hier war das jüdische Viertel, hier gab es eine brutale Vertreibung. Nun laden diese Steine dazu ein, mit Fremden ins Gespräch zu kommen. Die neue Synagoge ist ein paar Straßen weiter. Und hier schwebt das Gedicht von Rose Ausländer im Vorhof der Synagoge, im Eingang. Wie eine Krone über dem Haupt jedes Menschen, der hier eintreten möchte. In drei Kreisen übereinandergeschrieben, vergoldet. Man macht ein paar Drehungen, um es zu entziffern. Und wird sofort Teil dieses gastfreundlichen Kosmos, den die Worte schaffen und ausdrücken. Ich bin eine der angesprochenen Freundinnen auf dieser ungeteilten und ach, geteilten Welt. Es ist wie in der Pfingstgeschichte, wo Menschen aus allen Völkern versammelt sind und der Geistfunke überspringt. Plötzlich erkennen sie, dass sie sich gegenseitig verstehen können, auch wenn sie nicht die gleiche Sprache sprechen. Und auch nicht die gleiche Religion teilen. Ein Kommunikationsprogramm. Ein Antirassismusprogramm. Ein Friedensprogramm. Und doch klein und bescheiden, ohne Parteitage und ellenlange Resolutionen, an die sich am Ende kaum jemand hält.

Freunde, Freundinnen auf einer ungeteilten Erde. Wir reisen gemeinsam.

Es gilt das gesprochene Wort.