Wort zum Tage
Gemeinfrei via Unsplash/ Khadeeja Yasser
Augen auf und los
von Vikarin Hannah Clemens
18.09.2023 06:20
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Der Wecker klingelt. Augen auf und los. Bei mir muss es morgens immer ganz schnell gehen, auch heute. Damit ich alles rechtzeitig schaffe. Also: Augen auf und los, Füße aus dem Bett, ab ins Bad, Kinder wecken, Frühstück machen, anziehen und auf zur Kita. Kurz ins Büro, dann noch einmal durch die Stadt geradelt und ich bin da.  

„Ja, wie kann ich Ihnen helfen?“ fragt mich die Frau am Empfang. Ich krame meine Gesundheitskarte hervor und erwähne selbstbewusst meinen Termin. Ein leichtes Schulterzucken: „Nehmen Sie bitte im Wartebereich Platz.“ Die Zeit steigt auf die Bremse, als hätte sie Warnblinker auf der Autobahn gesehen.

Im Stau stehen auf der Autobahn des Lebens. Unruhig blicke ich auf die Uhr. Nichts tun. Da bin ich ganz schlecht drin.

Und ausgerechnet dann, wenn mir etwas besonders schwerfällt, scheint die Zeit still zu stehen. Wenn ich z. B. mit Grippe im Bett liege. Und ganz besonders dann, wenn ich mich einsam fühle, schlurft die Zeit ganz langsam dahin.

Dagegen rasen die Stunden dahin in der durchtanzten Nacht, beim Sonnenuntergang am Meer, beim Wiedersehen mit einem lieben Menschen. Dann rast die Zeit über die Autobahn dem nächsten Moment entgegen.

Eine Fabel erzählt: Ein König schenkte seinem Sohn einen Ring, mit einer Botschaft, die ihn in guten wie in schweren Zeiten begleiten sollte. „Der Prinz nahm daraufhin den Ring an sich. Und als er allein war, las er die Inschrift, es waren nur vier Worte. Auch das geht vorbei.“

Eine Wahrheit für viele. Mir hilft dieser Satz aber nicht, wenn der Stress am Morgen zu viel wird oder ich an den letzten gemeinsamen Urlaub denke: Zeit, die weggerannt ist. „Auch das geht vorbei.“ Ich will manche Stunden lieber vergessen und andere für immer festhalten, verliere den Sinn für die Gegenwart auf dieser Autobahn der Zeit.  

Eine Psalmwort lässt mich innehalten: „Ich aber, HERR, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen.“ (Psalm 31,15f) Um im Bild der Autobahn zu bleiben: Ich nehme die Ausfahrt, steige aus und atme tief durch. Gott hält sie fest, die schönen und schlimmen Stunden meines Lebens, bewahrt sie auf wie einen Schatz. Alles geht vorbei, aber nichts geht verloren. Meine Zeit steht in deinen Händen. Ich halte inne, lasse alles bei Gott zur guten Aufbewahrung. Atme ein und aus. Rücken wieder frei. Zeit zum Weitermachen. Augen auf und Los.

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Literatur dieser Sendung:

  1. Anmerkungen: Benedict Wells, Hard Land, Diogenes, 2023, S.290.