Nicht nur in Bethlehem, auch in dir

Das Weihnachtswunder bei Angelus Silesius

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Über die Sendung:

Mystik und Lyrik gehen Hand in Hand und finden ihren eigenen Weg zur Krippe. Weihnachten findet in der Seele statt, sagt der große Barockdichter. Dort soll Gott geboren werden, damit der Mensch wesentlich werden kann.

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Eins aber, hoff ich, wirst du mir,

Mein Heiland, nicht versagen:

Dass ich dich möge für und für

In, bei und an mir tragen.

So lass mich doch dein Kripplein sein;

Komm, komm und lege bei mir ein

Dich und all deine Freuden.

 

So heißt es in dem berühmten Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippen hier“ von Paul Gerhardt.

Das Bedürfnis nach Verbundenheit mit dem geborenen Heiland drückt sich in dem Wunsch aus, selbst die Krippe zu sein, in der er liegt. Es ist die 14. Strophe von insgesamt fünfzehn, die dieses Bild vor Augen stellt. Wie in den meisten seiner Dichtungen wählte Paul Gerhardt auch hier für seine Gedanken eine weit ausgreifende, sehr ausführliche dichterische Form. Wesentlich knapper fasste ein Zeitgenosse von ihm, einer der größten deutschen Barockdichter, Angelus Silesius, einen verwandt wirkenden Gedanken in Worte. Er schrieb:

 

Ach könne nur dein Herz zu einer Krippe werden,

Gott würde noch einmal ein Kind auf dieser Erden.

 

Der kurz gehaltene Zweizeiler stammt aus dem „Cherubinischen Wandersmann“, einer Sammlung von gereimten geistlich-philosophischen Epigrammen. Nur scheinbar stimmt er mit Paul Gerhardts Strophe überein. Denn es geht hier weniger um die gefühlsmäßige Nähe zum geborenen Heiland oder um eine Art Gedenken. Angelus Silesius spricht stattdessen vom Herz als dem Ort der Gottesbegegnung. Provokanter noch: als dem Ort der Gottesgeburt im Menschen. Gott, heißt es, würde noch einmal geboren, wenn das Herz zur Krippe würde. Das klingt bizarr, ja vermessen. Aber zugleich ist es ein sehnlicher Wunsch. Der in einem anderen Epigramm zur Selbstaufforderung wird.

 

Ich muß Maria sein und Gott aus mir gebären,

soll er mir ewiglich die Seligkeit gewähren.

 

Ist das religiöse Verstiegenheit, eine Art heilige Arroganz und Selbstüberhöhung? Das trifft den Sinn dieser merkwürdigen Formulierung wohl nicht. Denn bei eingehender Betrachtung fällt auf, wie ernst und dringlich sie klingt. Die Seligkeit, wir können auch sagen, die Rettung, das Leben hängen daran, dass Gott im einzelnen Menschen wie in Maria geboren wird. Derselbe Ernst kommt in einem prominenten Zweizeiler von Angelus Silesius zum Ausdruck, der noch deutlicher auf das Weihnachtsgeschehen anspielt.

 

Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren

und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.

 

Für Angelus Silesius ist das Weihnachtsgeschehen weit mehr als eine beschauliche Geschichte oder eine beglückende Nachricht. Er misst ihm eine ähnliche Bedeutung für die Menschen und die Christen bei wie dem Passions- und Ostergeschehen. Zwischen dem Wirken Gottes bei seiner Menschwerdung in Jesus und seinem Wirken im Menschen sieht er eine enge Verbindung. Ohne die innere Geburt Gottes im Menschen nach dem weihnachtlichen Vorbild kann der Mensch aus seiner Sicht nicht aus seiner Verlorenheit befreit werden und zur Einheit mit Gott gelangen.

 

 

 

Das Weihnachtsgeschehen sagt nach Angelus Silesius etwas über uns Menschen, darüber, wie wir aus unserer Blindheit und Not, aus unseren Verstrickungen und Verwirrungen herausgeführt werden. Das Wort: „Das Himmelreich ist mitten unter euch“ wird dabei radikal gedeutet als „in euch“, im Seelengrund. Genauer: Es soll dort sein. Gott soll dort sein, muss dort zur Erscheinung kommen, empfangen werden und wachsen wie das Kind in Maria. Für Angelus Silesius besteht hier eine zwingende Analogie. Ähnlich ziehen auch das Paradies, selbst Gottes Thron in die menschliche Seele ein.

 

Mensch, wird das Paradies in dir nicht erstlich sein,

so glaube mir gewiß, du kommest nimmer drein.

 

Fragst du, mein Christ, wo Gott gesetzt hat seinen Thron?

Da, wo er dich in dir gebieret, seinen Sohn.

 

Wenn zwischen dem Weihnachtsgeschehen und der inneren Geburt Gottes im Seelengrund eine Analogie besteht, dann gibt es auch eine Verwandtschaft zwischen Maria und der Seele. Beide sind gewählt und befähigt worden, Gott zu empfangen. Beide sind dadurch geehrt und geadelt. So kann Angelus Silesius im Vorwort zu seiner Epigramm-Sammlung „Cherubinischer Wandersmann“ vom „verwunderlichen und unaußsprechlichen Adel der Seelen“ reden. Oder er preist sie und statt ihrer den gläubigen Menschen, wie in diesen Versen:

 

Die Seel ist ein Kristall, die Gottheit ist ihr Schein;

Der Leib, in dem du lebst, ist ihrer beider Schrein.

 

Ich bin ein Königreich, mein Herz, das ist der Thron,

Die Seel ist Königin, der König Gottes Sohn.

 

Ich bin der Tempel Gotts und meines Herzens Schrein

Ists Allerheiligste, wenn er ist leer und rein.

 

Dass das Herz oder die Seele rein werden soll, darin besteht der schmerzliche, mühevolle Teil der Analogie zum Weihnachtsgeschehen. Denn sie ist nicht leer und rein, bereit zur Empfängnis. Darum muss sie ringen. Zugleich aber ist sie es nicht selbst, die dies tut oder nicht allein. Gott und Mensch wirken miteinander und wie ineinander verschlungen. Die Seele bittet um Erleuchtung und mag sie zugleich erleben. Diesem Vorgang hat Angelus Silesius in „Morgenstern der finstern Nacht“ Ausdruck gegeben, einem Gedicht, das anders als seine Epigramme inniger und ausgedehnter spricht. Es ist Teil seiner „Heiligen Seelenlust“, in der er in Anlehnung an die Schäferdichtung und die geistliche Deutung des Hohelieds die Liebe zwischen der Seele und Christus beschreibt.

 

Morgenstern der finstern Nacht,

der die Welt voll Freuden macht,

Jesu mein, komm herein,

leucht in meines Herzens Schrein!

 

Schau, dein Himmel ist in mir,

er begehrt dich, seine Zier.

Säume nicht, o mein Licht,

komm, komm eh der Tag anbricht.

 

 

 

Seine religiöse Gedankenwelt und ihre sprachliche Gestalt hat Angelus Silesius nicht ohne Anregung von außen entwickelt. In Breslau, wo er um Weihnachten 1624 zur Welt kam, förderte ihn sein Gymnasiallehrer Christoph Köler. Er machte Angelus Silesius, der damals noch seinen bürgerlichen Namen Johannes Scheffler trug, auf das „antithetische Epigramm“ aufmerksam, das er später so meisterhaft beherrschte. Es wurde auch in einem Kreis von Gelehrten und Dichtern gepflegt, die Köler um sich versammelte. Dort wurde Johannes Scheffler nach seinem Medizin- und Jurastudium in Straßburg, Leiden und Padua mit den Gedanken der Mystik vertraut. Stärker noch, als er in näheren Austausch mit Abraham von Franckenberg trat. Der lebte in der Nähe von Oels, unweit von Breslau, wo Johannes Scheffler 1649 seine erste Stelle beim Herzog Sylvius Nimrod von Württemberg als dessen Leibarzt angetreten hatte. Der universal gelehrte Mann war ein Schüler Jakob Böhmes, dessen naturphilosophische Spekulationen und mystische Lehren ihn stark geprägt hatten. Franckenberg führte den jungen Arzt Scheffler in Böhmes Denken und das der mittelalterlichen Mystiker ein. Diesem Denken, das auch den aufkommenden Pietismus beeinflusst hatte, überhaupt allen Formen inneren religiösen Erlebens stand das Luthertum feindselig gegenüber, insbesondere die lutherische Orthodoxie, die damals in Schlesien vorherrschend war. Den Grund beschreibt der Philosophiehistoriker und Angelus Silesius-Spezialist Wilhelm Schmidt-Biggemann.

 

 

Wilhelm Schmidt-Biggemann:

Hier spielt eine innere Frömmigkeit eine Rolle, die das Wirken Gottes auch außerhalb der Schrift, das ist das Entscheidende, behauptet. Und dieses Moment lässt die lutherische Orthodoxie nicht durchgehen. (…) Nur durch die Lektüre der Bibel wird man gläubig und eo ipso selig. Das heißt aber, dass die Gläubigkeit selbst durch die Predigt über die Heilige Schrift bestimmt wird und das ist die Aufgabe der Orthodoxie, die sich als … Gnadenvermittlungsinstanz sieht, die die rechte Auffassung der Schrift ihren Gläubigen beibringt. (…) Der zweite Punkt ist, die Orthodoxie geht davon aus, dass … die Wunder mit dem Neuen Testament beendet sind. … Alle zusätzlichen enthusiastischen Begnadungen, die ja für die Mystik eine erhebliche Rolle spielen, sind nicht mehr akzeptabel. Das heißt, sie können, wenn überhaupt, nur als fromme Extase genommen werden, die aber heilsunwirksam ist oder, viel schlimmer, als Wirkung des Teufels.

 

 

Abraham von Franckenberg konnte mit dieser Haltung nichts anfangen. Der erbitterte Streit der Konfessionen in seiner Zeit war ihm fremd. Seinem Schüler und Freund Johannes Scheffler ebenso. Die Mystik, wurde für ihn zum Weg lebendiger Glaubensausübung und Gottesbeziehung. Dadurch geriet er in Konflikt mit dem lutherischen Hofprediger seines herzoglichen Arbeitgebers. Als er im Todesjahr Franckenbergs 1652 eine Anthologie mit Gebeten mittelalterlicher Mystiker herausgeben wollte, versagte der Pfarrer die Druckerlaubnis. Johannes Scheffler quittierte daraufhin den Dienst beim lutherischen Herzog, ließ sich in Breslau als Arzt nieder und konvertierte kurze Zeit darauf zur katholischen Kirche. Das sorgte auf Seiten der Lutheraner für großes Aufsehen, Kritik und üble Nachrede. Wenige Jahre darauf brachte Angelus Silesius, wie er sich fortan nannte, seine Gedanken zum Verhältnis von Gott und Mensch 1657 in dichterischer Form heraus. Eingedenk der Haltung der lutherischen Orthodoxie und auch im um mögliche Missverständnisse schrieb er im Vorwort seiner Epigrammsammlung:

 

Aus Vorrede zur ersten Ausgabe des „Cherubinischen Wandersmanns“ von 1657:

„Günstiger Leser, nach dem die folgenden Reime viel seltsame Paradoxa oder widersinnige Reden in sich behalten, welchen man wegen der kurzen Fassung leicht einen verdammlichen Sinn oder böse Meinung andichten könnte, deshalb ist es vonnöten, dich zuvor zu erinnern. Und ist hiermit einmal für allemal zu wissen, dass des Urhebers Meinung nirgends sei, die menschliche Seele solle oder könne ihre Geschaffenheit verlieren und durch die Vergöttung in Gott oder sein ungeschaffenes Wesen verwandelt werden. Das kann in alle Ewigkeit nicht sein.“

 

 

Den „Cherubinischen Wandersmann“, seine geistlich-philosophischen Epigramme, hatte Angelus Silesius als Erbauungsbuch für Seelenverwandte geschrieben. Die Verse darin kreisen um Zeit und Ewigkeit, das Wesen des Menschen, das Verhältnis zwischen Gott und Mensch, um die mystische Schau Gottes und sein Wirken in der Seele. Im Versmaß des Alexandriners verfasst, sind sie von ungemeiner Virtuosität, sowohl einprägsam und fasslich als auch gedanklich äußerst verdichtet, voll scharfsinniger Pointen und gewagter Paradoxa, wie diese Zeilen andeuten:

 

Dass Gott so selig ist und lebet ohn Verlangen,

hat er sowohl von mir, als ich von ihm empfangen.

 

Ich weiß, dass ohne mich Gott nicht ein Nun kann leben.

Werd ich zunicht, er muß von Not den Geist aufgeben.

 

Es ist das mystische Ineinander- und Zusammenwirken von Mensch und Gott, das sich hier niederschlägt und das für Verstörung sorgen kann. Die Formulierungen wirken verstiegen und vermessen, sie scheinen die Grenze zwischen Gott und Mensch bedenklich aufzulösen. Silesius-Kenner Wilhelm Schmidt-Biggemann erläutert, was Angelus Silesius damit wohl gemeint hat.

 

Wilhelm Schmidt-Biggemann:

Wenn Gott die Liebe ist, dann liebt er als Liebender seinen Geliebten, und das ist der Mensch. Und in dieser Liebe geht Gott auf und ist derjenige, der sich mit dem Menschen vereinigt. Dieses ist auf die Spitze getrieben. Denn wenn Gott die Liebe ist, ist er von seinem Geliebten so abhängig wie der Geliebte von Gott. Und dann muss er, wenn der Mensch nicht antwortet, seinen Geist aufgeben.

 

Das Provokante der Epigramme – die kühne Wortwahl, die grellen Geistesblitze und paradoxen Schlüsse – hat ihnen seit ihrer Entstehung die Bewunderung gesichert. Von Leibniz, Schopenhauer, Hegel und Gottfried Keller bis heute erstaunen, verwirren und fesseln sie die Leser. Für Wilhelm Schmidt-Biggemann sind sie nur noch mit Pascals Aphorismen „Pensees“ vergleichbar.

 

Wilhelm Schmidt-Biggemann:

Da wird … auch in solchen knappen Formulierungen in die Paradoxie hinein klar gemacht, dass der Glaube und … der Enthusiasmus des Religiösen etwas ist, was die strenge Begrifflichkeit sprengt, beziehungsweise die Logik sprengt, was aber überhaupt nicht heißt, dass diese Art von Mystik nicht auch sehr rational ist, freilich ist das ein besonderer Begriff von Rationalität. (…) Ein Beispiel ist: Wenn Gott alles in allem ist, wie unterscheidet man alles von Gott? Wenn Gott in uns derjenige wird, der er ist, wie unterscheiden wir uns von Gott? Und wir wissen doch, dass es diesen Unterschied gibt und wir wissen auch, warum es ihn gibt, weil nämlich wir diejenigen sind, in denen sich Gott für uns zeigt, ohne dass wir wirklich ganz Gott sind, aber der göttliche Funke wäre bei uns.

 

 

Bei allem Scharfsinn, Angelus Silesius ging es nicht um philosophischen Seiltanz. Er suchte für die Gläubigen jenseits kirchlicher Lehre und Schriftbezogenheit eine lebendige Gottesbeziehung. Modern gesprochen, verfolgte er dabei auch einen pädagogischen Ansatz. Wenn Gott in Analogie zum Weihnachtsgeschehen im Menschen geboren wird, so kommt auch der Mensch in diesem Geschehen erst zu sich selbst, meinte er und formulierte:

 

Mensch werde wesentlich; denn wenn die Welt vergeht,

so fällt der Zufall weg; das Wesen, das besteht.

 

Wie Angelus Silesius das Wesentlichwerden des Menschen versteht, beschreibt noch einmal

Wilhelm Schmidt-Biggemann:

 

Wilhelm Schmidt-Biggemann:

Das Entscheidende ist, dass der Christus in uns das Leben ist, das wir führen sollen und unser Wesen kommt zu sich selbst, indem … dieser göttliche Funke sich bei uns entfalten kann. (…) Und wenn das unser Wesen ist, dann heißt das, wir müssen in uns gehen, innerlich sein, in der Hoffnung, dass sich das Göttliche in uns zeigt. Das wäre die Gnade, die sich zeigte und dann wären wir wesentlich. „Mensch werde wesentlich“ heißt also, „Gott, wirke in uns“.

 

Angelus Silesius sorgte auf seine Weise dafür, dass dies geschehen möge. Die letzten Jahre seines Lebens bis zu seinem Tod mit 52 Jahren am 9. Juli 1677 in Breslau lebte er zurückgezogen in strenger Askese. Er verschenkte sein beträchtliches Vermögen an Bedürftige, organisierte die Ausbildung von Waisenkindern und behandelte als Arzt mittellose Patienten unentgeltlich. Dass er nicht immer nur wohltätig und duldsam im Glauben lebte, belegen seine antiprotestantischen Streitschriften. Sein zentrales Anliegen, die Liebe der Seele zu Christus, gibt sein Gedicht „Ich will dich lieben, meine Stärke“ wieder. Als Lied fand es in katholischen und evangelischen Gesangbüchern Aufnahme.

 

(Aus „Heilige Seelenlust“: 1.,& 7. Strophe von „Ich will dich lieben, meine Stärke“:)

Ich will dich lieben, meine Stärke,

ich will dich lieben, meine Zier,

ich will dich lieben mit dem Werke

und immerwährender Begier;

ich will dich lieben, schönstes Licht,

bis mir das Herze bricht.

 

Ich will dich lieben, meine Krone,

ich will dich lieben, meinen Gott,

ich will dich lieben ohne Lohne

auch in der allergrößten Not;

ich will dich lieben, schönstes Licht,

bis mir das Herze bricht.