Eure Rede sei Ja oder Nein!

Gedanken zur Woche

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Eure Rede sei Ja oder Nein!
Gedanken zur Woche mit Matthias Viertel
03.09.2021 - 06:35
Über die Sendung

Die Gedanken zur Woche im DLF.

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Gedanken zur Woche von Matthias Viertel

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Sendung zum Nachlesen:

In der letzten Woche habe ich mich wiederholt dabei ertappt, keine Lust mehr auf Nachrichten zu haben. So kenne ich das gar nicht von mir.

Kurz vor der Tagesschau fällt mir plötzlich noch etwas ein, was scheinbar dringend erledigt werden muss, und die Tageszeitung schiebe ich morgens achtlos beiseite. Mein Kopf appelliert weiter an Verstand und Verantwortung und sagt mir, dass ich doch gute Informationen brauche, schließlich will ich mir als mündiger Bürger auch mündige Urteile bilden. Aber meine Seele ist ermüdet, am liebsten würde sie gar keine Nachrichten mehr hören. Keine aktuellen Inzidenzzahlen und auch keine neue Schreckensmeldung aus Kabul.

Der Verstand hält mich in Trapp, aber mein Geist mag keine neuen Diskussionsrunden verfolgen - die immer gleichen Themen und den ritualisierten Schlagabtausch der Parteigänger und Parteigängerinnen. Sie regen mich auch mehr auf, als dass sie mir weiterhelfen.

Diese Ermüdung hängt nicht nur mit der Nachrichtenlage zusammen. Zugegeben: Es ist derzeit besonders dramatisch, das Leben scheint immer weiter  aus den Fugen zu geraten: Die Corona-Krise hält uns nach wie vor in Atem. Eine Entspannung scheint nicht in Sicht, stattdessen lassen wieder neue Mutationen aufhorchen.

In Afghanistan steht der Westen vor einem Scherbenhaufen und terroristische Organisationen wie Taliban, Al Qaida und IS triumphieren. War tatsächlich alles Engagement für eine freiere Zivilgesellsaft umsonst? Extremwetter zeigen, wie die Beschädigung des Klimas durch die immer weiter steigende Erderwärmung katastrophale Folgen hat. Erschreckende Bilder hier bei uns, unmittelbar vor der Haustür. Und zu alledem macht auch die bevorstehende Bundestagswahl nur verhalten Hoffnung auf tragfähige  Lösungen der dringenden Probleme.

Diese Häufung der Krisen ist die eine Seite, die zu meiner kognitiven Ermüdung führt. Die andere Seite ist der Stil des Umgangs mit den Problemen. Statt die eigenen Anteile an einem Dilemma klar einzuschätzen, wird auf die Schuld der anderen hingewiesen. Dieses ständige Spiel von gegenseitiger Anklage steht den Versuchen im Wege, gemeinsam mit vereinten Kräften nach Lösungen zu suchen.

Warum ist das so?

Dem Philosophen Odo Marquardt folgend kann man dieses Verhalten als „Flucht aus dem Gewissenhaben in das Gewissensein“ erklären. Man entkommt dem Gewissenhaben und damit der eigenen Schuld am einfachsten dadurch, dass man sich zum Gewissensein für andere erklärt.  Indem ich mich selbst zum Richter erhebe, verstecke ich, wie weit ich selbst Schuld auf mich geladen habe. Die Rhetorik der Anklage verschleiert die eigenen Versäumnisse und Verstrickungen, lastet die persönlichen Verantwortungen auf die Schultern der anderen. So funktioniert der klassische Entlastungsmechanismus.

In der Bergpredigt, der ethischen Grundsatzrede aus dem Matthäus-Evangelium, gibt Jesus eine recht konkrete Anweisung, wie Kommunikation gerade in der Krisenbewältigung aussehen könnte.

Er sagt:

Eure Rede aber sei: Ja oder nein. Was darüber ist, das ist von Übel.“

Nun bin ich mir relativ sicher, dass Jesus damit nichts gegen einen längeren Gedankenaustausch sagt - und wohl auch nichts gegen unterhaltsame Erzählungen oder auch Small Talk.  Das knappe und klare Ja oder Nein steht für die Klarheit der Aussage: Kein Herumreden und kein Taktieren, keine Ausflüchte keine Gruppenegoismen und schon gar kein Verschieben der eigenen Schuld.

Wenn die Gäste in einer Diskussionsrunde trotz des Wahlkampfs auf gegenseitige Schuldzuweisungen verzichten könnten; wenn sie ohne Fixierung auf Umfrageergebnisse lieber mit vereinten Kräften nach Auswegen suchten, dann könnte ich mich wohl wieder leichter auf sie einlassen.

Eure Rede sei ein Ja oder ein Nein - ohne List und Tücke, ohne Argwohn und Missgunst – dieser Appell aus der Bergpredigt trifft allerdings nicht nur Menschen aus der Politik. Er gilt ebenso mir selbst, wenn ich zuhöre, wenn ich mich zu Wort melde oder über andere Menschen spreche. Ich bin gemeint.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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