Martin Luther und die Marienfrömmigkeit

Morgenandacht
Martin Luther und die Marienfrömmigkeit
01.06.2016 - 06:35

Hier bei uns in Kiel gibt es eine Kirche mit einer Marienfigur, die auf Rollen montiert ist. Auf diese Weise kann sie bei Bedarf in die Kirche hinein oder auch  herausgerollt werden. Das wirkt auf den ersten Blick ein wenig kurios und man fragt sich, warum das überhaupt nötig sein soll, oder auch, wer denn auf eine solche verrückte Idee gekommen ist: Eine mobile Marienfigur auf Rädern?

 

Die Erklärung findet sich schnell, denn bei diesem Kirchenraum handelt es sich um ein Gebäude, das sowohl den Katholiken als auch den Protestanten Heimat bieten soll. 1980 wurde es gebaut und zwar als ökumenisches Zentrum, in dem beide Konfessionen  ihre Gottesdienste feiern können. Natürlich wurde damals auch versucht, das spezielle Profil der evangelischen und katholischen Traditionen deutlich zu machen. Unter anderem gehört dazu eben auch die Marienfigur. Für die Katholiken ist sie ganz wichtig, während die Protestanten die Verehrung der Gottesmutter stets mehr oder weniger skeptisch betrachten.

 

Grund für diese Haltung ist Martin Luther. Persönlich verehrte er Maria durchaus. Gleichzeitig beurteilte er jedoch die ausufernde Marienfrömmigkeit kritisch, auch wenn die Dogmen über die „unbefleckte Empfängnis“ oder die „leibliche Himmelfahrt Mariens“ zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existierten, sie wurden erst viel später  beschlossen. Darüber konnte Luther sich also gar nicht empören, für ihn was es vielmehr ein Aberglaube, der sich gerade in der Volksfrömmigkeit zeigte und dort oft Hand in Hand ging mit der Anbetung Marias. Deshalb beteuerte Luther immer wieder: Maria „will nicht, dass du zu ihr kommst, sondern durch sie zu Gott“...“damit ja gewiss das Werk immer ganz allein Gottes Sache bleibe.“

 

Aus der Kritik an den Praktiken der Marienverehrung wurde in den evangelischen Kirchen allmählich eine generelle Ablehnung bin hin zu der Auffassung, Maria sei nur etwas für Katholiken. Das stimmt so allerdings nicht und führt sogar zu einer erheblichen Lücke.

 

Für fast alle Menschen gehört das Gefühl der besonderen Verbundenheit mit der eigenen Mutter zu den Ur-Erfahrungen. Die Mutter ist der Mensch, dem das Kind nicht nur das Leben verdankt, sondern auch eine besondere Geborgenheit. Dieses Gefühl hält das ganze Leben an, oft zeigt es sich als Sehnsucht: man wünscht sich in diese Geborgenheit zurück, gerade weil sie nicht mehr da ist. Das Gefühl äußert  sich auch in Form einer Dankbarkeit, bei der man nicht genau weiß wohin mit diesem Gefühl, an wen man seine Dankbarkeit eigentlich richten kann.

 

Ähnliches mag auch Martin Luther gespürt haben, denn zumindest in einem Fall formuliert er sehr deutlich, wie sehr er Maria verehrt und zwar sowohl als Mutter Gottes als auch als Mutter aller Menschen. Er tut das in seiner Deutung des Magnificats. Luther preist darin Maria als Musterbeispiel einer frommen Lebensweise, und meint, dass Maria  zu einem großen Vorbild im Glauben werden kann.

 

In der Gestalt der Maria nimmt Luther die Sehnsucht nach mütterlicher Geborgenheit und Fürsorge wahr. Sie wird konkret durch ihre Person und Funktion als Gottesmutter als göttliche Qualität übermittelt. Es verwundert also nicht, dass Menschen sich gerade in Not an Maria wenden. Darin ist Maria gewiss nicht nur katholisch, sondern auch gut evangelisch. Erst recht dann, wenn Maria nach Luther „nicht will, dass du zu ihr kommst, sondern durch sie zu Gott“.

 

Das ökumenische Zentrum in Kiel gibt es immer noch. Heute bietet diese Simultankirche nicht  nur evangelischen und katholischen Christen aus Kiel eine Heimat, inzwischen haben auch Gruppen aus Ghana, Eritrea und Vietnam dort Unterkunft gefunden. Sie erleben Geborgenheit und Fürsorge – die Marienfigur trägt mit ihrer Beweglichkeit offensichtlich zur Verständigung bei.