Vom Singen der Seele

Morgenandacht

Dasitzen. Die Augen geschlossen. Ohr werden. Ganz Ohr. Wie die Gedanken sich zurückziehen, wenn die Ohren sich öffnen. Lauschen. Was ist zu hören? Die Stille ist voller Geräusche. Das eigene Atmen, das Ticken einer Uhr. Lauschen und den Raum erkunden, der sich öffnet. Neu öffnet. Im Hören beginnt so viel. Ein Summen, ein Hüsteln, einmal ausprobieren, was passiert, wenn man leise einen Klang formt. Wo sitzt der Klang? Im Hals, in der Nase, kann ich ihn in den Bauch führen? Noch einmal den Ton brummen, summen, vielleicht einmal den Mund weit öffnen, sieht ja keiner. Der Ton wird größer. Lauter. Voller. Lauschen. Was tun Seele und Kehle – wenn man sie gewähren lässt?

 

Meine Stimme ist sehr selbstständig. Sie macht was sie will. Sie singt oft vor sich hin, ohne dass ich es bemerke. Sie summt, sie trällert, mit Text oder ohne, sie wechselt mitten in der Strophe das Lied. Es kommt vor, dass ich bei „Swing low“ anfange und plötzlich bemerke, dass ich in einer Art Endlosschleife eine Arie aus dem Weihnachtsoratorium vor mich hin singe: „Bereite dich Zion...“ – Das kann auch im Frühling passieren. Wie ich dahin gekommen bin? Keine Ahnung. Ich singe nicht, es singt mich. Ich tue nichts. Es fließt. Die Melodien sind lange schon Untermieter meines Bewusstseins. Sie haben sich häuslich eingerichtet. Sie sind unkündbar. Wann sind sie eingezogen? Die Lieder, die man ohne nachzudenken vor sich hin singen kann, bilden den Soundtrack der eigenen Seele. Wie traurig, wenn einer nichts zu singen hat.

 

Es gibt Musikwissenschaftler, die sagen, Singen sei die erste Muttersprache des Menschen. Lange bevor sich die Laute zu Worten formen, Begriffe bilden, machen auch kleinste Kinder Töne. Sie brabbeln, sie gurgeln, sie quietschen. Sie reagieren auf Gesang. Ein weinender Säugling kann sich entspannen, wenn der Vater ihn im Arm hält und dabei vor sich hin singt. Die Vibration in der Brust, die tiefe Atmung, der Klang der Stimme, die Ruhe, die ein leise Singender ausstrahlen kann. Das tröstet. Später lernt das Kind hoffentlich, wie frei es sich fühlen kann, wenn es seine Stimme erhebt. Wenn es sich hörbar macht. Wenn Melodien da sein dürfen. Im Singen verbinden sich Atem und Körper. Und die Texte der Bibel machen darauf aufmerksam, dass Atem, Stimme und die Lebenskraft Gottes eng zusammengehören. Das Wort „Näfäsch“ – im Deutschen „Seele” – meint auch die Kehle. Im Lied, wenn Seele und Kehle sich äußern, legt die Bibel nahe, kann der Mensch die Gegenwart Gottes ahnen. Auch das ist ein Zugang zum Glauben. Dafür muss man nichts von Religion verstehen.

 

Einem Kind das Singen vorzuenthalten führt deshalb auch zu seelischer Unterernährung. Singen ist so wichtig für die Seele, wie Essen für den Körper. Wie betrogen sind Menschen, denen man das Singen ausgetrieben hat. Im Elternhaus oder in der Schule. „Du kannst nicht singen!” Das ist ein Satz wie ein Hieb. Es ist schwer, ihn wieder loszuwerden. Denn: Auch Stimmen brauchen Liebe. Und Lieder. Sonst verkümmern sie.

Die gute Nachricht ist: Es ist nie zu spät, um seine Stimme zu finden, Lieder zu sammeln, Melodien zu erproben. Jeder Mensch kann singen, kann tönen, hat eine Stimme – unverwechselbar. Jedenfalls jeder, der über Kehlkopf und Stimmbänder verfügt. Auch wenn die Stimme in Kindertagen nicht geweckt, geliebt, umsorgt, genährt und gefeiert wurde – wie das erste Lächeln gefeiert wird, der erste Schritt, das erste Wort – lässt sich das nachholen. Denn jede Seele kann singen, sie muss nur einen Weg finden durch die Kehle hindurch. Das kostet zunächst ein wenig Mut. Unter der Dusche lässt sich ein Anfang machen. Vielleicht hilft ein Chor. In jedem Fall: Es ist ein Abenteuer, die eigene Stimme zu erkunden. Sie ist auch der kürzeste Weg zur Seele.

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