Wolkenkratzertag

Morgenandacht

Matthew Henry / Unsplash

Wolkenkratzertag
02.09.2021 - 06:35
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Morgen ist Skyscraperday, internationaler Wolkenkratzertag. Das lässt einen vielleicht auf dem flachen Land kalt, deswegen heißt das flache Land ja auch so… aber ich wohne in Frankfurt am Main. Und da gehört die Skyline zum Selbstverständnis, auch zu meinem. Ob Messeturm, Maintower oder Bankenhochhaus: Frankfurt ohne Bürotürme und Hochhäuser wäre nicht Frankfurt. Dabei nehmen sich die hiesigen Wolkenkratzer im internationalen Vergleich inzwischen recht bescheiden aus. Der höchste Bankenturm hier ist 259 m hoch – okay, mit Antenne sind es 300 – egal, ob mit oder ohne Antenne: Frankfurt kann mit Manhattan oder gar Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten nicht mehr mithalten. In Abu Dhabi am Persischen Golf steht das derzeit höchste Gebäude der Welt mit knapp 830 m Höhe.

 

2700 Jahre vorher stand das höchste Gebäude der Welt auf der gegenüberliegenden Seite des Persischen Golfes. In Babylon, der Turm zu Babel. Die Bibel erzählt auf ihren ersten Seiten davon, dass dieser Turm bis zum Himmel hoch reichen sollte und Gott deshalb den Menschen die einheitliche Sprache nahm und sie in alle Welt zerstreute, so dass sie nicht weiterbauen konnten.

 

Aus dieser Urgeschichte abzuleiten, dass Gott etwas gegen hohe Türme habe, trifft aber nicht den Sinn der Geschichte. Gott hat nichts gegen Türme. Und es ging nicht um den 90 m hohen Stufentempel, Zikkurat genannt. Solche Stufentempel gab es nämlich nicht nur in Babylon, auch wenn dort der höchste war, eine Zikkurat hatte jede größere Stadt im Zweistromland. Und der Babylonische Turm wurde auch fertig. Genau gelesen heißt es in der Bibel, dass sie „die Stadt“ nicht weiterbauen konnten. Gemeint ist die Hauptstadt des babylonischen Reiches, das Machtzentrum. Allein die Stadtmauer in Babylon war bis zu 30 m hoch!

 

Der Fokus der Geschichte liegt auf dem Großreich Babylon. Großreiche sind Schmelztiegel, bauen Megastädte und -paläste, unterwerfen und versklaven andere Völker. Die brauchten eine einheitliche, eine Amtssprache.- Das meint die einheitliche Sprache im biblischen Text, nicht eine fiktive Ursprache. Diese Großreiche brauchten funktionierende Befehlsketten, um bauen zu können, um militärisch erfolgreich zu sein und eine funktionierende Verwaltung und Ausbeutung zu betreiben. Und diese Großreiche, die kamen und gingen in ziemlicher Plötzlichkeit. Akkadier, Babylonier, Assyrer, Hethiter, Neubabylonier, Meder, Perser, um nur einige aufzuzählen. Sie alle aber wollten sich einen Namen machen.

 

Jeder Großherrscher versuchte noch schönere und größere Paläste zu bauen. Babylon wurde die größte dieser Hauptstädte und mit bis zu 200.000 Einwohnern die größte Stadt der damaligen Welt. Welche Pracht Babylon entfaltete, das kann man im Pergamon Museum in Berlin bewundern, mit dem Ischtar-Tor und der Prunkstraße. Doch das Protzen der Herrscher ging immer auf Kosten der Sklaven und der tributpflichtigen Völker. Israel musste oft Tribut zahlen und ging als selbständiger Staat schließlich unter, weil es sich geweigert hatte oder mit den falschen Machthabern paktierte.

 

Dass Gott in der Turmbauerzählung den Menschen die einheitliche Sprache nimmt und sie sich deshalb in alle Lande zerstreuen, das scheint auf den ersten Blick eine Strafe zu sein. Für kleinere Länder wie Israel war es aber befreiend. Es bedeutete souverän und unabhängig sein zu können. Die Zerstreuung bot Vielfalt.

 

Auch heute machen sich Banken und Firmen gerne einen Namen mit ihrem Büroturm, so wie früher Städte oder Bistümer mit ihrem prächtigen Kirchturm oder Kirchbau. Gott wird deshalb nicht wieder auf die Erde herabsteigen und die Menschen zerstreuen, wie es die „Turm zu Babel“-Geschichte erzählt. Nichts gegen Türme und Hochhäuser also!

 

Aber im Zerstreuen liegt die Botschaft, dass Metropolisierung und das damit verbundene Vernachlässigen des Kleinen und Mittleren nicht gut ist. Außerdem sind Wolkenkratzer bislang zumeist brutale Energiefresser. Auch sie müssen klimaneutral werden. Sonst ist das flache Land doch besser.

 

Es gilt das gesprochene Wort.