November - Zeit für Tiefenwachstum

Wort zum Tage

Gemeinfrei via unsplash/ Jenna Anderson

November - Zeit für Tiefenwachstum
mit Ulrike Greim
05.11.2021 - 06:20
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Es ist in einer Klinik. Fünf Frauen, alle haben Krebs. Sie sitzen in der Sofaecke der Station. Zwei im Bademantel, die anderen – wie man so sagt: im Freizeitlook. Alle recht bleich um die Nase, eine sieht aus, als wäre sie dem Tod gerade noch von der Schippe gesprungen, die Hand am Infusionsständer.

Sie sagt: „Naja, Job, Promotion nebenher und drei kleine Kinder. Peng.“

Die andere: „Ich auch. Zwei Kinder, eine Firma. Haus gebaut. Dann kam die Diagnose.“

Die dritte hat fünf Kinder und einen Hof.

Und so geht es weiter.

Jetzt müssen sie ganz kleine Schritte machen. Ganz kleine Portionen verdauen. Ganz kleine Fortschritte würdigen. Atmen. Mit Hilfe. Die Atemtherapeutin kommt zweimal die Woche.

Das ist so schwer: Ein neues Leben lernen mit einem anderen Rhythmus.

Bewegen, dann wieder ausruhen. Etwas tun, wieder ruhen. Essen, ruhen. Schnattern, ruhen.

Endlich das ewige „Zuviel“ sein lassen.

Draußen ist Novembernebel. Schön, nicht?! Er zieht sich durch die Straßen und über die Wiesen und Felder, wie ein dicker Unbekannter. Einer, der nicht gehen will, auch wenn man ihn weit wegschicken möchte. Er ist da. Feucht und ungemütlich. Und zauberhaft schön.

Es ist Zeit, sich warm anzuziehen, auf dem Balkon tief durchzuatmen.

Hast du das gesehen? Kalter Novembernebel kann Kristalle zaubern.

Auf dem Gras, auf den heruntergefallenen Blättern, am Rand eines Teiches.

Zeit zum Beobachten.

Warum man dazu dermaßen gezwungen werden muss?

Und: Boah! Novembernebel kann auf die Stimmung drücken.

Das kann keine hier brauchen.

 

November ist die Zeit des Rückzuges.

Die Bäume werfen die Blätter ab, die Strukturen werden sichtbar. Nichts schützt mehr, alles zeigt sich karg dezimiert.

Die Energie geht zurück.

Es ist die Zeit des Tiefenwachstums.

Wo sind meine Wurzeln, was hält mich?

 

Sie sitzen im Gruppenraum und reden.

Über Hoffnung. Und dass es sie anspornt, zu denken, es könne alles auch ganz anders gehen.

Eine sagt, dass sie das Licht wiederentdeckt hat. Das Spazierengehen draußen, die Sonne genießen, wenn sie da ist.

Eine sagt, wie schwer es ist, die Pläne loszulassen.

Eine sagt: Sie habe gar nicht gewusst, wie schwer es ist, Stille auszuhalten.

 

Der Nebel lässt die Konturen verschwimmen, Details werden unwichtig.

Worum geht es im Kern? Was ist die Essenz?

 

Gibt es einen Gott, der so einen Weg mitgeht?

Oder ist er die Sonne, die am Ende des Tunnels wartet?

Oder der Nebel, der mich nötigt, leise zu werden?

Vielleicht.

Ganz sicher sehe ich ihn in den Frauen, in ihrer Kraft, in ihrem Leid. In der Ärztin, die die Werte kontrolliert, in der Frau, die zweimal täglich durchwischt. Im Ehemann, der mitbangt und hofft.

Überhaupt: Es ist hier.

Jeder Tag ist ein guter Tag, Gott zu sehen.

 

Es gilt das gesprochene Wort.