Am Tisch streiten

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Wenn man zusammensitzt, kommt manchmal wie von selbst ein heikles Thema auf den Tisch. Auch bei einem gemeinsamen Essen, auf das man sich gefreut hat, lässt sich ein Problem dann nicht unterdrücken, ein Streit nicht vermeiden. Kein Wunder also, dass mit dem Tisch das eine oder andere konfliktträchtige Sprichwort verbunden ist. ‚Sich mit jemandem an den Tisch setzen‘, bedeutet, Verhandlungen mit ihm führen, auch unbequeme. An einem ‚runden Tisch‘ läuft öfter mal was unrund, wenn man nicht auf Augenhöhe miteinander umgeht. Manchmal merkt einer, man will ihn ‚über den Tisch ziehen‘. Was ‚unter den Tisch fällt‘, wird nicht mehr berücksichtigt. Schlimm ist es, wenn am Ende ‚das Tischtuch zerschnitten‘ ist.

 

Beim letzten Abendmahl mit seinen Freunden am Tisch, kurz vor seinem Tod, sagt Jesus plötzlich: „Einer von euch wird mich verraten.“ Das muss unter den Freunden wie eine Bombe eingeschlagen haben. Jesus meint Judas, der auch dabei ist und vorher beschlossen hat, Jesus seinen Feinden auszuliefern. Statt den Konflikt mit Judas zu vermeiden, sorgt Jesus dafür, dass der Konflikt noch deutlicher hervortritt. Ich finde diese Tatsache faszinierend und frage mich: Was können wir von dem biblischen Konflikt-Tisch, an dem Jesus beteiligt ist, lernen für die Konflikte, in denen wir stecken – persönlich oder politisch?

 

Das Erste, das ich lerne: Jesus ist nicht am Streit selber interessiert, sondern an dem Menschen Judas, und damit an der Wahrheit, der sich Judas stellen könnte, es bisher aber offenbar nicht tut. Was immer die Beweggründe des Judas sind, am Ende läuft es darauf hinaus: Ein Freund verrät einen Freund. Trotzdem bleibt Jesus selbst weiterhin Judas zugewandt. Ich frage mich, ob ich einem Menschen auch so begegnen könnte, von dem ich spüre, dass er mir fremd oder sogar feindlich gesinnt ist.

 

Jesus fehlt jede romantische Vorstellung von einer harmonischen Tischgemeinschaft. Das ist das Zweite, das ich von Jesus lerne: Jesus weicht nicht aus. Er führt nicht aus dem Konflikt heraus, sondern weiter in ihn hinein. Er bringt seine Freunde dazu, sich mit der Wahrheit – im besten Sinne des Wortes – auseinander zu setzen.

 

Es gibt ein Sprichwort für diese starke Haltung, das lautet: Sei deinem Freund ein hartes Feldbett. Das heißt: Sei deinem Freund auf keinen Fall ein bequemes Ruhekissen, auch nicht bei Tisch. Manchmal ist die Wahrheit unbequem, aber du bist sie deinem Gegenüber schuldig. Wahrhaftig sein, hart manchmal, bereit zum Konflikt und dabei zugewandt bleiben. Das ist es, was Jesus zeigt. Und es geschieht bei Tisch.

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