Für Augen, Nase und Herz

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Vielleicht ist es eine etwas verklärte Kindheitserinnerung. Aber soweit ich weiß, sind wir Kinder am Samstag vor Erntedank immer mit Bollerwagen durch unser Dorf in Thüringen gezogen und haben die Ernte-Gaben eingesammelt. Kürbisse, Kartoffeln, Möhren, Runkeln – wie man bei uns sagte, Kohlrabi, Grünkohl, viele Äpfel und Birnen, Ährengarben, weil sie attraktiv aussehen, wunderbare große Sonnenblumen… Und eine hatte immer ein großes rundes Brot gebacken. Ich war stolz, wenn ich die Kirche mitdekorieren durfte. Die schönsten Früchte kamen auf den Altar. Der Gottesdienst am Sonntag roch gut.

Mit am schönsten war es aber, wenn wir am Montag nach Erntedank das Auto voll bepackt hatten, so dass es hinten schon durchhing, und wir damit zu der diakonischen Einrichtung gefahren sind, die in dem Jahr Empfängerin der Gaben war. Das ganze Auto – eine einzige Duftwolke, fruchtig, würzig, erdig. Ein Hochgefühl.

 

Später habe ich das vermisst. Einmal so aus dem Vollen schöpfen zu können. Zu wissen, dass man Gutes tut, wenn man einen Teil seiner Ernte abgibt. Und wenn das dann noch so gut riecht.

Ein Ernte-Dank für alle Sinne.

Später habe ich gedacht: Was soll ich eigentlich jetzt auf den Altar legen – was ist meine Ernte? Einen Stick? Mit gesammelten Werken?

Welche diakonische Einrichtung würde sich darüber freuen? Meine Arbeit ist leider zu unsinnlich.

Und meinen Ertrag nur in Geld anzugeben und davon einen Teil zu spenden, ist ziemlich unromantisch. Vernünftig, aber leider nichts für alle Sinne. Und nicht so schön ritualisiert.

 

Wer die Ernte eingefahren hat, sieht seinen Ertrag, den er erarbeitet hat und ist froh und erschöpft. Bei mir ist das alles eher so ein durchlaufender Betrieb.

Schöner ist es schon, wenn es einen festen Tag gibt, einen Ort, etwas für Augen, Nase und Herz. Dazu schöne Lieder, Gebete und eine gute Tat. Volles Programm.

Dann ist es leichter, danke zu sagen.

Grund gäbe es immer. Denn ich habe heute – mehr denn je – gut zu essen. Alles, was ich will in tausend Varianten. Ich habe zu trinken. Wir haben genug Wasser. Und in diesem Jahr erstmalig seit langem ein Gefühl dafür, dass Wasser auch einmal knapp werden kann. Ich habe ein Dach über dem Kopf und einen Job, durch den ich locker meine Miete zahlen kann und meine Familie versorgen. Ich habe ein Gästezimmer und einen vollen Kühlschrank – da ist immer Platz für andere. Mir geht es sehr gut.

 

Da ist einer, dem ich das gerne sagen würde. Wenn ich mir Ruhe gönne, weiß ich, dass ER mich versorgt. Dass nichts wächst, wenn ER es nicht wachsen lässt. Dass er das Leben ist, aus dem alles Lebendige kommt. Jeden Tag, jede Sekunde. Auch ich bin hier, weil ER mich hier will. Danke, du Ewiger!

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

 

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