Sonne der Erinnerung

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Ist es verblasst? Vielleicht ein bisschen. Aber sobald er anfängt zu erzählen, steht es ihm wieder plastisch vor Augen: der kalte Abend, die Kerzen in der Hand, die auf die Finger tropfen. Die Lieder aus der Kirche noch im Ohr: „Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf in unsrer Zeit“. Und – ganz klar: die Angst. An die erinnert er sich gut. Angst vor den Kampftruppen in den Seitenstraßen. Aber auch an diesen inneren Druck, jetzt auf die Straße gehen zu müssen. Und an diesen unverschämten Mut, der sekundenweise durchblitzte und so verdammt guttat. Nein, nichts ist verblasst von diesem 9. Oktober '89 in Leipzig. Er war dabei. Als Student. Wie war das damals mutig, zu sagen: „Wir sind das Volk“. Um vielleicht erst da zu merken, wie schwer all die Lügen all die Jahre gelastet haben.

Und er hat noch gut in Erinnerung, dass viele hinter den Gardinen standen. Weil sie Schiss hatten. Oder weil sie zum System gehörten. Für viele war es der Gau. Die erste Karte, die rausgezogen wird, gleich wird das ganze Haus zusammenfallen.

 

„Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf in unsrer Zeit.“ Er singt es immer noch gern. Und vor allem: Er singt es wieder. „Deines Himmelreiches Lauf hemme keine List noch Macht. Schaffe Licht in dunkler Nacht.“

Zwei aus seinem Fußballverein, aus den aus der Alte-Herren-Mannschaft, marschieren jetzt mit unter dem Plakat auf dem wieder steht „Wir sind das Volk“. Sie wollen Lügen aufdecken und meinen, endlich mit Mut aufzustehen für die gerechte Sache. Wollen „das System stürzen“, zu dem – nun ja – genaugenommen auch er gehöre.

Und ihm wird ganz anders. Einer hat verweigert, ihm die Hand zu geben, als er erfahren hat, dass er im Fußball die Flüchtlingsmannschaft trainiert. Die anderen hatten den daraufhin gemaßregelt. Immerhin.

„Gib den Boten Kraft und Mut. Glauben, Hoffnung, Liebesglut, und lass reiche Frucht aufgehn, wo sie unter Tränen sä’n.“

Nun, Tränen, soweit ist es noch nicht. Aber er fragt sich schon, was er gesät hat, wenn selbst Leute aus seiner Gemeinde so abdrehen.

Wenn er mit ihnen beim Bier sitzt, fällt es ihm schwer zu argumentieren, dass das damals doch mit Verlaub ganz andere Zeiten gewesen sind. Und dass jetzt jeder Rechte hat. Und dass die geschützt werden. Selbst wenn man das aus dem Bauch heraus hin und wieder anders regeln möchte.

 

Er will, dass das Dorf wieder zusammenkommt. Dass man reden kann, auch streiten, aber dass der Riss nicht noch tiefer wird. Alle nicken. Und schon kommt das nächste „Aber ...“

„Lass uns deine Herrlichkeit sehen auch in dieser Zeit und mit unsrer kleinen Kraft suche, was den Frieden schafft.“

Vielleicht sollten wir wieder öfter singen, denkt er. Auch öffentlich. Einmal war es schon eine Kraft.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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