Goldene Äpfel auf silberner Schale

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„Ein Wort, geredet zu rechter Zeit, ist wie goldene Äpfel auf silbernen Schalen.“ (Sprüche 25,11)

 

So sagt es ein Weisheitsspruch in der Bibel. Schön poetisch erinnert er daran, dass es sie doch gibt, die Worte, die klären, befreien und ermutigen und dass sie nicht weniger sind als ein köstliches Geschenk: goldene Äpfel auf silberner Schale. Sie leuchten. Solche Worte brauchen wohl diejenigen am meisten, die gerade im Nebel tappen.

 

Ich erinnere mich an so ein Wort, obwohl es lange zurückliegt. Ende zwanzig war ich und wusste immer noch nicht, was aus mir werden sollte. Ich versuchte es mit Theaterspielen, aber eine echte Perspektive war da nicht in Sicht. Und privat – wie man so sagt – privat herrschte auch bloß ein verkorkstes Chaos. Entsprechend war mir zumute. Alle um mich herum waren doch irgendwie in der Spur, bloß ich nicht. Ich war allenfalls ein holpriges fünftes Rad am Wagen. So fühlte ich mich dann auch in dem großen Ferienhaus, in das man mich netterweise dazugeladen hatte. Ziemlich außen vor in der bunten Gesellschaft arrivierter Menschen, die sich damals schon auf einen gehobenen Lebensstil verstanden. Und dann kam eines Abends der Gastgeber, den ich kaum kannte, auf mich zu, drückte mir ein Buch in die Hand und sagte: „Ich glaub ja an dich.“ Wirklich, das kam wie aus heiterm Himmel. Ich hörte das eher ungläubig. Wie kam er drauf? Wieso traute er mir was zu? Es war nicht so, dass mein Selbstvertrauen auf der Stelle zunahm. Aber der kleine, so gänzlich unerwartete Satz war doch wie ein Stern, ein Licht, das mir von fern aufging. Und nun – nach fast vierzig Jahren – ist er das Einzige, woran ich mich aus diesem Urlaub noch genau erinnere. Ich hab den Mann nie wieder getroffen, von dem es hieß, dass er auch ganz schön rücksichtslos sein konnte. Aber in meiner Erinnerung bleibt er eine Art Engel. Er hat mir einen goldenen Apfel auf silberner Schale geschenkt, ein Wort des Zutrauens, als ich es wirklich brauchte.

 

Es hat ja dann auch noch geklappt mit dem In-die-Spur-kommen. Ich frage mich: Und was, wenn es nicht geklappt hätte? Hätte er sich dann geirrt mit seinem „Ich glaub ja an dich“?

Nein, denke ich. Dann wäre es genauso richtig gewesen. Das Wort des Zutrauens darf nicht von irgendeinem möglichen Potenzial abhängen. Es gehört gerade dahin, wo nichts bewiesen ist. Wie Licht in die Dunkelheit. Wie schön, wenn‘s manchmal gelingt, so ein lichtes Wort zu finden, das wie ein goldener Apfel ist auf silberner Schale. Wie schön, wenn es mal zwischen uns wahr wird, was Rose Ausländer in einem Gedicht sagt: „Ich glaube an das Wunder der Worte. Ich glaube an dich, Lebensbruder“ .

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Rose Ausländer, Mutterland, S. Fischer 1982

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