Es kostet Überwindung, jemandem offen zu sagen: Das machst du falsch. Hier begehst du Unrecht. Zumal, wenn dieser jemand eine Freundin oder ein Freund ist.
Sendetext:
Eine Gesellschaft, die kriegstüchtig werden will, muss soldatische Tugenden wiederbeleben, die in den vergangenen 80 Jahren an Strahlkraft verloren haben. Die "Tapferkeit vor dem Feind" ist so eine Tugend. In Kriegszeiten gibt es Orden für jene, die dem Feind mutig entgegengetreten sind.
Ingeborg Bachmann, die österreichische Dichterin, hat sich einen anderen Orden erdacht und um den soll es heute gehen. Es ist "der armselige Stern der Hoffnung". Der wird verliehen für "die Tapferkeit vor dem Freund". Wer verdient ihn und wie lebt es sich mit dieser Auszeichnung? Freut man sich darüber oder trägt man den Orden als Kainsmal, als ein bleibendes Zeichen des Schmerzes?
Der Tapferkeit vor dem Freund bedarf es in vielen Lebenslagen. Der einen zerreißt es dabei fast das Herz. Ein anderer geht locker über Skrupel hinweg. Ich will mich der Tapferkeit vor dem Freund in ganz unterschiedlichen Lebenslagen zuwenden. Doch zunächst das Gedicht von Ingeborg Bachmann:
"Alle Tage
Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.
Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.
Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls." (1)
Eine beeindruckende Geschichte für die Tapferkeit vor dem Freund findet sich in der Hebräischen Bibel, im Alten Testament:
Es war riskant, als der Prophet Nathan sich gegen seinen König David stellte und ihn damit konfrontierte, ein Verbrechen begangen zu haben. David hatte mit Batseba geschlafen, der Frau von Uria, einem seiner Offiziere. Batseba wird schwanger, David will den dadurch offenkundigen Ehebruch vertuschen und das Kind dem Ehemann unterschieben. Deshalb gibt er seinem Offizier Heimaturlaub. Es soll so aussehen, als sei der Ehemann für die Schwangerschaft seiner Frau verantwortlich. Doch Uria will nicht im Hause seiner Frau übernachten, während seine Soldaten in Kriegsgefahr sind. Das bekommen alle mit. Der Schwindel droht aufzufliegen. König David reagiert und sorgt dafür, dass Uria den Soldatentod stirbt. Dass Uria den Schwindel auffliegen lässt, bezahlt er mit dem Leben. Der Prophet Nathan weiß also um das Risiko der Ehrlichkeit. Alle wissen, was David getan hat. Aber nur Nathan spricht es aus. Das ist Tapferkeit vor dem Freund. Ein Prophet sagt seinem eigenen König die Wahrheit ins Gesicht. Bei König David hat sie zur Einsicht geführt. Statt nun auch Nathan umbringen zu lassen, bereut er und tut Buße. (2)
Klaus Mertes, Priester und Jesuit, wusste um das Risiko, als er sich 2010 entschloss, den Missbrauchsskandal am Canisius-Kolleg öffentlich zu machen. Das Canisius-Kolleg ist ein katholisches Gymnasium der Jesuiten in Berlin. Klaus Mertes war damals Rektor. Er kann genau sagen, wann er den Stein ins Rollen gebracht hat, der die römisch-katholische Weltkirche bis auf heute beschäftigt.
Es war der 14. Januar 2010. An diesem Tag standen drei ehemalige Schüler des Canisius-Kollegs vor ihm. Anlässlich des Jubiläums ihres Abiturs vor 30 Jahren wollten sie sicher gehen, dass zwei ehemalige Lehrer nicht eingeladen werden, die sexuellen Missbrauch verübt hatten. Die drei ehemaligen Schüler gaben Klaus Mertes die Erlaubnis, den Missbrauch publik zu machen. Er schrieb einen öffentlichen Brief. Damit begann eine umfassende Aufarbeitung dieser Fälle sexualisierter Gewalt.
Völlig überraschend kam diese Offenbarung der drei Schüler für den Schulleiter nicht. Zweimal hatte Mertes bereits von sexuellen Übergriffen gehört, beide Male aber im Rahmen eines vertraulichen Gesprächs und mit der ausdrücklichen Bitte, dies vertraulich zu behandeln. Jetzt gab es das Mandat, dem auch öffentlich nachzugehen. Was besonders schockierend für Klaus Mertes war: Ihm wurde bewusst, dass es sich offensichtlich nicht um einzelne Übergriffe handelte. Es gab ein System des Missbrauchs, hinter dem möglicherweise noch hunderte weitere Fälle liegen könnten.
Klaus Mertes ahnte, was das für ihn, für die Lehrerschaft, aber auch für die Schüler bedeutet. Gerade noch galt das Canisius-Kolleg als Elitegymnasium. Plötzlich hatte sich vom Lehrer bis zum Fünftklässler jeder mit der Frage zu befassen, ob er Täter, Mitwisser oder Opfer eines Skandals sei. Aber die Notwendigkeit, dem nun auch nachzugehen, duldete keinen Aufschub und keine Absicherung durch Vorgespräche in Hinterzimmern.
Was mit diesem Brief im Januar 2010 in Bewegung gesetzt wurde, hat die katholische Kirche erschüttert – in Deutschland und weltweit. Bei der evangelischen Kirche trat das Ausmaß an Fällen sexualisierter Gewalt in ihrem Bereich erst 2024 zu Tage.
Klaus Mertes erlebte neben dem Zuspruch, dass nun endlich öffentlich gemacht wird, was über Jahrzehnte verschwiegen wurde, erheblichen Gegenwind. Es gab Vorwürfe aus den eigenen Reihen. Mertes wurde als Nestbeschmutzer diffamiert. Opferverbände misstrauten der Gründlichkeit seiner Recherchen. Am meisten zu schaffen machte ihm, wenn er als Held gefeiert wurde, der so ganz anders sei als all die anderen Priester, die doch unisono potenzielle Missbrauchstäter seien.
Wie geht es einem, wenn man die Tapferkeit vor den Freunden im Alltag durchzustehen hat? Das wollte ich von ihm wissen. Klaus Mertes erzählte mir: Man schafft das nur, wenn man Freundinnen und Freunde hat, die dies mittragen. Und wenn man überzeugt ist, dass der Satz aus dem Johannesevangelium tatsächlich gilt: "Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch freimachen." (3)
Zwei Lebenshaltungen sind Klaus Mertes besonders wichtig: Man darf nicht neugierig und man darf nicht eitel sein. Neugierig im Wortsinn: von der Gier nach Neuigkeiten getrieben. Wer in dieser Situation die Medien verfolgt, das Auf und Ab von Lobeshymnen und Diffamierung, der gerät ins Straucheln.
Befehl und Gehorsam, das muss ein Soldat lernen. Nur so kann eine Armee funktionieren. Immerhin, in unserer Verfassung gibt es einen Vorbehalt. Befehle dürfen verweigert werden, wenn sie gegen das Gewissen verstoßen. Doch wie soll ein Soldat im Einsatz prüfen, welche Folgen sein Gehorsam letztlich hat?
Er steht in einer langen Befehlskette, die für ihn oft nicht überschaubar ist. Doch es gibt Situationen, da scheint alles klar zu sein. Und selbst dann bedarf es einer großen inneren Kraft, Nein zu sagen und sich einem unmenschlichen Befehl zu verweigern. Davon erzählt eine Begebenheit aus dem Jugoslawienkrieg.
Männer der Gegenseite, egal welchen Alters, egal welcher Einstellung, sollten sterben. Männliche Muslime, die man in Srebrenica aufgreifen konnte, wurden in Busladungen verfrachtet, um sie zu töten. Es war eines von vielen Erschießungskommandos im Jugoslawienkrieg. Die Soldaten hatten das Feuer auf eine Gruppe von Männern eröffnet. Und nun standen sie vor einem Leichenberg. Plötzlich erhob sich ein etwa sechsjähriger Junge und sagte: "Papa, wo bist du?" Sofort befahl der Offizier, auch dieses Kind zu erschießen. Doch die Männer weigerten sich. Keiner war bereit, das Feuer auf den Jungen zu eröffnen. Einer entgegnete: "Du hast selbst eine Pistole, erschieß du ihn!" Aber auch der Offizier war nicht in der Lage, diesem Kind in die Augen zu schauen und es zu ermorden. Nun lautete der Befehl, den Jungen mit der nächsten Ladung Todgeweihter zu eliminieren. Die Soldaten brachten ihn jedoch in ein Krankenhaus, wo er versorgt wurde und überlebte. Der Offizier wurde nach dem Krieg zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Befehlsverweigerung der Soldaten blieb unbemerkt. Die Soldaten, von denen hier die Rede ist, sind Verbrecher. Sie haben viele unschuldige Männer und Jungen getötet. In dieser einen Situation aber hatten sie den Mut, Nein zu sagen und sind mit vollem Risiko ihrem Herzen gefolgt. (4)
War es Tapferkeit vor dem Freund, als Rosa von Praunheim am 10. Dezember 1991 in einer Sendung des RTL seine schwulen Kollegen Hape Kerkeling und Alfred Biolek als homosexuell geoutet hat? Waren die drei überhaupt befreundet? Die drei verbindet ihre Prominenz im Fernsehen und ihr Schwulsein. Aber sie gingen ganz unterschiedlich damit um.
Rosa von Praunheim hat den Kampf gegen die Diskriminierung von Schwulen zu seinem Lebensthema gemacht. Hape Kerkeling und Alfred Biolek haben ihr Schwulsein zumindest damals als Privatsache betrachtet, die niemanden etwas anging. Beide reagierten sauer, als sie sich in den Schlagzeilen nicht nur der Boulevardpresse wiederfanden.
Ich erinnere mich an meine Empörung über diese Bloßstellung. Neben dem behaupteten gesellschaftspolitischen Anliegen vermutete ich auch Profilierungsabsichten hinter der Aktion. Mit einigem Abstand schauten allerdings selbst die damals schwer gekränkten Entertainer differenzierter auf diese Zeit der öffentlichen Diskussion. In der Rückschau geht es tatsächlich weniger um die vorgeführten Personen. Man erinnert sich vielmehr an den gesellschaftlichen Wandel, der sich seither vollzogen hat. Wenn es um die Tapferkeit vor dem Freund geht, fällt das Urteil selten eindeutig aus. Häufig bleibt ein ambivalentes Gefühl auf beiden Seiten.
Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Mit diesem Satz kommentiert man schulterzuckend, wenn eine ganze Berufsgruppe in dem versagt, was ihre ureigene Aufgabe ist. Die bundesdeutsche Justiz, die doch Recht zu sprechen hätte, hat in der Aufarbeitung der Nazizeit kläglich versagt. Liest man heute in den Zeitdokumenten der 50er und 60er Jahre, ist man fassungslos. Wie konnten Richter das Recht dermaßen mit Füßen treten?
Unvorstellbar auch das Versagen der Kirchen gegenüber dem Missbrauch von Geistlichen an den ihnen anvertrauten Menschen. Auch da lässt sich über viele Jahrzehnte zurückverfolgen, dass nicht die Opfer geschützt wurden, sondern das Ansehen der Institution. Auch Dienstvergehen innerhalb der Polizei sind nur schwer zu ahnden, wenn man für die Verfolgung auf Aussagen der eigenen Kolleginnen und Kollegen angewiesen ist.
Und so könnte man fortfahren und Berufsgruppe für Berufsgruppe durchgehen. In der Strafprozessordnung gibt es einen Passus, der es nahen Familienangehörigen erlaubt, nicht gegen die eigenen Verwandten auszusagen. (5) Damit wird dem Bedürfnis nach rechtlicher Klärung eine Grenze gesetzt, weil der Schaden, den das familiäre Zerwürfnis letztlich auch für die Gesellschaft nach sich zieht, als zu groß eingeschätzt wird.
Ein solches Zeugnisverweigerungsrecht gibt es gegenüber Berufskolleginnen und Kollegen nicht. Und das ist gut so. Und doch gilt es zu respektieren, dass es einer Abwägung bedarf, welche Regelverstöße auf welcher Ebene zu klären sind und ab wann man sich zum stillen Komplizen oder sogar zum Förderer von Verbrechen macht. Wer hier zu einem schnellen und harten Urteil kommt, hat vielleicht zu kurz auf sich selbst geschaut. In der Schule war man nicht etwa ein Aufklärer, wenn man dem Lehrer ein Fehlverhalten überbrachte, sondern eine Petze.
Das wurde einem schnell abgewöhnt. Doch zum Mittäter wollte man auch nicht werden. Also erstmal wegschauen. Wer weiß, ob man es selbst mal braucht, dass andere nicht so genau hinschauen. Doch irgendwann ist eine Grenze erreicht. Dann muss man all seinen Mut zusammennehmen, alles auf den Tisch legen und auf Klärung beharren.
Die Tapferkeit vor dem Freund, das ist eine Gewissensfrage, und das Gewissen muss trainiert werden. Ingeborg Bachmann wusste, wie schwer es einem werden kann, dem Gewissen dann auch zu folgen. Deshalb erdichtet sie einen Orden dafür: "Den armseligen Stern der Hoffnung" – "für die Tapferkeit vor dem Freund, für den Verrat unwürdiger Geheimnisse und die Nichtachtung jeglichen Befehls".
Es gilt das gesprochene Wort.
Musik dieser Sendung:
1.
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Literatur dieser Sendung:
1, Aus: Ingeborg Bachmann, Die gestundete Zeit. 1953. © Piper Verlag GmbH, München 1978
2. 2. Samuel 11-12
3. Johannes 8,32
4. Urteil im Verfahren gegen Zdravko Tolimir, Case No.: IT-05-88/2-T
5. § 52 StPO Zeugnisverweigerungsrecht