Wohin sich wenden?

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Jesse Mills / Unsplash

Wohin sich wenden?
NineEleven. Erschütterung und die Suche nach Worten
12.09.2021 - 08:35
Über die Sendung:

 

 
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O-Ton Peter Klöppel (RTL 11.9.2011):

Guten Abend, verehrte Zuschauer!

Wissen Sie noch, wo Sie am 11. September 2001 waren? Mit Sicherheit. Wir alle werden diesen Tag wohl nie vergessen. Unsere Fassungslosigkeit über die Anschläge, unsere Trauer über die Toten. Angst aber auch vor der Zukunft. Und für immer werden wir uns an die Bilder erinnern, wie die von Terroristen gekaperten Flugzeuge ins World Trade Center rasen, wie etwas später die Twin Towers einstürzen, das Pentagon in Washington in Flammen steht. 100 Millionen Menschen auf der ganzen Welt haben diese Bilder damals live im Fernsehen verfolgt.TV-Sender rund um den Globus informierten ihre Zuschauer mit Sondersendungen über die unfassbaren Ereignisse in den USA.

 

 

Wissen Sie noch? Diese Frage, gestellt von RTL-Nachrichten-Anchorman Peter Klöppel zum 10. Jahrestag, hat auch heute, 20 Jahre nach dem Terror des 11. September, nichts an Bedeutung verloren.

Bilder und Worte, Erschütterung und Grauen haben sich bleibend in das kollektive und persönliche Gedächtnis eingebrannt. Fast jede, jeder könnte eine Geschichte dazu erzählen.

 

Meine geht so:  Als Rundfunkpastorin war ich an diesem Dienstag auf einer Tagung der Evangelischen Freikirchen. Es ging unter anderem um die Frage, wie kirchliche Sendungen in weltlichen Programmen aktuell und hörernah gestaltet werden können. Niemand ahnte, wie schnell das unglaublich herausfordernd werden würde…

 

Als die Sitzung gegen 15 Uhr endete, liefen wir Delegierte beim Hinausgehen im Foyer des Tagungshauses an einem Fernseher vorbei. Da prallten uns die Bilder der von Flugzeugen durchschnittenen, brennenden TwinTowers entgegen. Fassungslose Erschütterung. Ungläubige Sprachlosigkeit. Zugleich Wörterfülle auf allen Kanälen.

Später, im Auto auf der Rückfahrt, klingelte mein Telefon. Der leitende Redakteur „Religion und Gesellschaft“ bei Radio Bremen, Gerhard Widmer: „Sie haben es schon mitbekommen?“

 

Ich gehörte damals zum Team der Sprecher:innen des „Wortes zum Sonntag“ im Fernsehen. Der Samstag dieser Woche war mein Termin. Ich hatte dafür eine schöne Idee entwickelt zum bald stattfindenden Weltkindertag. 

 

Natürlich war klar: Angesichts dieses Ereignisses war meine Planung hinfällig.

„Frau Schneider, was trauen Sie sich, am Samstag in die Kamera zu sprechen?“

 

Ich erinnere mich gut an den nicht wie sonst kritischen, sondern jetzt eher mitfühlenden Tonfall des Redakteurs.
Eigentlich gar nicht verantwortlich für den Inhalt kirchlicher Verkündigungssendungen, sondern nur für deren reibungslose und qualitätsvolle Produktion, hat Gerhard Widmer meine „Worte zum Sonntag“ engagiert begleitet. Sozusagen als Sparringspartner von außen für die Kirchenfrau.

 

20 Jahre nach diesen immer noch unfassbaren Tagen haben wir uns darüber unterhalten:

 

O-Ton Gerhard Widmer:

Sparringspartner … ja … okay, aber meine Konter waren diesmal nicht bestimmt von meiner üblichen Skepsis - so in der Art: Was meint die Kirche, die Konfession, was meint die Bibel oder gar der liebe Gott zu – na ja, egal was.

Nein, der Anschlag setzte das Thema. Und als Ihr Begleiter, ein - wie viele in diesen Tagen - sprachloser Begleiter, war ich natürlich sehr neugierig, wie Sie Ihren Verkündigungsauftrag in „das Wort“, in hilfreiche Sprache, fassen werden.

 

 

Nach Worten suchen für „das Wort“. Ich spürte: Wenn ich vor die Kamera trete, vor ein Millionen-Publikum, das aber doch besteht aus einzelnen Menschen irgendwo in einem Wohnzimmer, genauso erschüttert wie ich, dann muss ich das persönlich tun. Ich als Ich und zugleich so, wie es der Begründer der Evangelischen Medienarbeit Robert Geisendörfer schon in den 70er Jahren zeitlos gültig formuliert hat:

 

„Was Evangelische Publizistik kann: Fürsprache üben, Barmherzigkeit vermitteln und Stimme leihen für die Sprachlosen.“

 

Aber was kann das sein an diesem Samstagabend, was nicht schon vorher von vielen, viel sachkompetenteren Leuten geäußert worden wäre? Mein Kopf - voll. Mein Blatt Papier - leer. Meine Seele – aufgescheucht.

 

In den Tagen nach dem 11. September fand - wie in vielen Kirchengemeinden - auch in meiner Gemeinde in Oldenburg ein Ökumenischer Gottesdienst statt.

Ich ging hin, in eine abgedunkelte Kirche. Ein Schutthaufen unter dem Kreuz. Steine zum Ablegen. Kerzen zum Entzünden. Psalmworte zum Hören. Und Musik.

An der Orgel war Johannes von Hoff, Kantor der lutherischen Nachbargemeinde. In unsere dumpfe Sprachlosigkeit hinein hat er gesprochen mit Musik. Zuweilen klangen seine Improvisationen wie ein einziges „Warum?“

 

Musik – sie ist für von Hoff kraftvolle Sprache, gerade auch in der Krise, z.B. dieses Stück von Marcel Dupré, das er an der Orgel seiner Kirche gespielt hat bei einer Online-Andacht im Corona-Lockdown: „Le Monde dans l'attente du Sauveur.“ Die Welt in Erwartung des Retters.

Ja, die Welt hat gewartet im September 2001. Auf Rettung. Sie wartet bis heute. In diesen Wochen ganz konkret und immer noch zigtausend Menschen in Afghanistan. Verängstigt und todesmutig. Verzweifelt und wütend. Rettung – wo ist sie?

 

 

Irgendwann in der Woche, damals, nach dem 11. September, wieder ein Anruf des Redakteurs: „Wie wäre es, wenn Sie ein Gebet sprechen? Sie können das doch, beten?“ Ich war überrascht und beschämt zugleich. Diese Idee - nicht von mir, der Christin, Pastorin, sondern von ihm, dem kritisch-atheistischen Journalisten?

 

 

O-Ton Gerhard Widmer:

Ich glaub', da kam eine Erinnerung an den Religionsunterricht hoch. Wie war das noch mit dem Gekreuzigten? Hatte der nicht seine Verzweiflung über die ihm geschehende Ungeheuerlichkeit direkt adressiert, seine Hilflosigkeit, seine Wut? Den Vorwurf: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Wenn niemand da ist, der aber da sein sollte, dann ruft man, fragt man, hofft auf den Abwesenden. Das macht jedes Kind. Man hofft auf die Antwort von Unbekannt. Oder: betet.

 

 

Beten im „Wort zum Sonntag“ – sehr ungewöhnlich für dieses kommentierende Sendungsformat, meiner Erinnerung nach erstmalig.

Aber zugleich auch so naheliegend: Wohin sich wenden, wenn alles zusammenbricht, wenn nicht an den, der in der tiefsten Tiefe ansprechbar bleibt. Wie im uralten und immer wieder neuen Gebetbuch der Bibel, den Psalmen: Klagen und Schreien. Die Ungeheuerlichkeit des leidvollen Lebens dem Herrn im Himmel buchstäblich vor-werfen.

Wie es der Gottessohn Jesus von Nazareth am Kreuz getan hat. Mit Psalm 22: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Ein Gebet in Angst und Schrecken. Sich verlassen fühlen. Auch Gott so fern. Trotzdem sich an ihn wenden. Zögerlich. Protestierend.

Auch kindlich vertrauend?

Endlich konnte ich meine Gedanken und Gefühle in Worte fassen, auch für die Fernsehkamera.

 

O-Ton Gerhard Widmer:

Ich vergleiche das mal mit dem Kamerasucher eines Fotografen. Der verhilft ihm zur Distanz einerseits, andererseits zur präzisen Wiedergabe seines Motivs. Und genauso haben Ihre Gedanken mich angeregt zu einer eigenen Verarbeitung des Anschlags. Ein Begreifen, dass bei solchen Ereignissen immer etwas un-greifbar bleibt. Sophokles sagt: Ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheurer als der Mensch. In seinem Antigonechor erzählt er vom Guten und vom abgründig Bösen unserer Spezies.

 

 

Es war unklar, ob die USA gleich zurückschlagen würden. Deshalb wurde erst am Samstagabend, kurz vor Ausstrahlung, mein „Wort zum Sonntag“ aufgenommen.

Gerhard Widmer, der Redakteur, hat dabei die ARD-Regel durchbrochen: Statt des üblichen perlenden Vor- und Abspanns waren dumpfe Glockenschläge zu hören.

Alles andere, so erinnert er sich, wäre ihm als billiges Ritual erschienen in dieser Ausnahmesituation. Während meines Gebetes zeigte die Kamera ein aus Weiden geflochtenes Kreuz.

 

Sehr viele Zuschauerreaktionen erreichten mich danach. Z.B.: „Ihre Worte, ihr Gebet haben meine Erstarrung gelöst. Endlich konnte ich weinen.“

Oder: „Habe immer noch unendlich viele Fragen. Aber jetzt auch einen Ort dafür.“

 

Ja, die Fragen bleiben. Meine auch. Wo ist er, der liebevoll-machtvolle Herr der Welt?

Das Un-Begreifbare bleibt. Allgegenwärtige Bilder, die kaum zu ertragen sind.

Von abgründig böser Gewalt, von unfassbarem Leid.

20 Jahre danach kommt der 11. September durch die Ereignisse in Afghanistan erschreckend nahe. Möge sich Erschrecken wandeln in Zuversicht.

Versagen in Verantwortung. Gewalt in Mit-Menschlichkeit. Wohin sich wenden?

Auch heute - bleiben mir diese drei Worte: Herr, erbarme dich.

 

O-Ton Autorin (ARD, Wort zum Sonntag vom 15.9.2001):

Guten Abend!

Wohin sich wenden am Ende dieser Woche?

Wohin mit dem Entsetzen, das uns auch heute noch immer wieder packt

und sprachlos macht?

Wohin mit diesen grauenhaften Bildern, die vielen auch nachts nicht aus dem Kopf gehen?
Wann und wo und wie wird zurückgeschlagen?

Was kommt da noch auf uns zu mit welchen Folgen?

Meine Kinder fragen mich: Kommt jetzt Krieg?

 

Wohin sich wenden?

Hunderttausende sind in diesen Tagen auf die Straßen gegangen –

wie gestern zum Brandenburger Tor - und in die Kirchen.

Wir haben Kerzen angezündet. Als Zeichen der Anteilnahme.

Und als stillen Protest gegen Terror und Gewalt.

Wir haben gespürt: Wir sind miteinander verbunden.

 

Viele haben gebetet. Vielleicht nach langer Zeit mal wieder.

Vielleicht auch ohne so recht zu wissen, zu wem sie da reden.

Ich glaube daran, dass Gott diese vielen Gebete hört.

Und er hört uns auch, wenn wir keine Worte haben.

Denn er leidet diesen unsagbaren Schmerz mit.

Dafür steht das Kreuz Christi.

Es steht für bitterste Gewalt. Für brutalen Tod.

Für die Macht des Bösen, die scheinbar siegt.

Aber: Das Kreuz ist auch ein Ort des Trostes.

Und der Hoffnung, dass nicht Gewalt und Attentäter den Sieg davontragen.

Sondern das Leben. Gottes Liebe zu seiner Welt.

 

So wende ich mich mit all den Gefühlen und Gedanken aus dieser Woche zum Kreuz.

Vielleicht möchten Sie mit mir beten:

 

Herr Jesus Christus! Warum?

Warum dieses Grauen, dieser teuflische Hass? 

Wo warst du, Gott?

Dass all die Menschen in den Flugzeugen, in den Türmen, im Pentagon,

nicht tiefer gefallen sind als in deine Hand – das hoffen wir.

Einige haben auch für uns einen Namen bekommen, ein Gesicht,

eine Geschichte, die unter die Haut geht.

Wir flehen dich an: Sei jetzt bei den Trauernden.

Sei bei ihnen, wenn sie sich noch immer an eine winzige Hoffnung klammern.

Wenn sie fast verrückt werden vor Schmerz.

Schick ihnen Engel zur Seite, die mit ihnen aushalten.

 

Wir bitten dich für die Rettungskräfte und Helfer.

Beschütze sie. Lass sie nicht verzweifeln.

Wir beten für die, die Verantwortung tragen dafür, was jetzt geschehen soll.

Wir haben Angst.
Wenn jetzt in Amerika die Vergeltung geplant wird,

dann gib klare Gedanken und die Kraft zur Besonnenheit.

Lass nicht zu, dass sich die Spirale der Gewalt noch weiter dreht.

Lass nicht zu, dass noch mehr Unschuldige leiden -

nur weil sie muslimischen Glaubens sind.

Wir bringen zum Kreuz unsere Sehnsucht nach Frieden und nach Gerechtigkeit.

Und wir bitten am Ende dieser Woche, am Abend dieses Tages:

 

Kyrie eleison – Herr, erbarme dich.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Musik dieser Sendung:

Orgel Johannes von Hoff, O-Ton Kirche Oldenburg (aus Marcel Dupré, Le Monde dans l'Attente du sauveur)