Liberal – Sozial – Protestantisch

Liberal – Sozial – Protestantisch

Portrait Friedrich Naumann (ca. 1911). Friedrich-Naumann-Stiftung, Archiv des Liberalismus

Liberal – Sozial – Protestantisch
Zum 100. Todestag von Friedrich Naumann
25.08.2019 - 07:05
13.06.2019
Gunnar Lammert-Türk
Über die Sendung:

Der "Feiertag" im DLF zum Nachhören und Nachlesen.

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Ein Bote Gottes möchte ich für euch alle sein, ein Freund in Seelennot und Mißgeschick für jeden von euch, nicht ein Pastor für diese oder ein Pastor für jene, nein, ein Seelsorger für euch alle, für den Mann im Bettelkleid ebenso wie für den, der weit den Berg hinauf sein eigen Feld bestellt, für den, welcher schon mitten drin steht in einem glaubensfrohen, frommen Christenleben, wie für den, welchem bisher der Glockenton noch ein toter Klang und die Bibel noch ein stummes Buch ist.

 

Das sagte der junge Pfarrer Friedrich Naumann im Mai 1886 in seiner Antrittspredigt zu seiner Gemeinde im sächsischen Langenberg. Gleichermaßen möchte er für die Glaubensgewissen wie für die Zweifler da sein, für die, die ihre Existenz auskömmlich bestreiten wie für die, die sozial am Rand leben. Die soziale Frage, wie es damals hieß, beschäftigt ihn stark. Er liest die Schriften der Sozialdemokratie. Entnimmt ihnen, was er für richtig oder bedenkenswert hält, kritisiert sie auch und verfasst einen sogenannten „Arbeiterkatechismus“. Weil sich ein Fabrikant darüber beschwert, wird Naumann vom Superintendenten gerügt. Darauf entgegnet er am 24. Juni 1889:

 

Wenn einige Angehörige des Fabrikantenstandes, von einem meiner schwachen Worte vielleicht doch ein wenig im Gewissen getroffen, sich zunächst meiner Person und meinem Wirken in etwas entgegenstellen, so kann dies ebensogut als ein dem Frieden günstiges Vorzeichen aufgefaßt werden als umgekehrt. Wir stehen meines Erachtens vor der Alternative, entweder zu den Besitzlosen so zu reden, daß sie wieder eine Spur von Vertrauen zu uns gewinnen, oder auf den Versuch ihrer Gewinnung zu verzichten.

 

Das will Naumann keinesfalls. Und sucht für sein christlich-soziales Engagement Anhaltspunkte bei Jesus, den er als einen Mann des einfachen Volkes versteht. Wie er Jesus sieht, beschreibt er viele Jahre später in seinen „Briefen über Religion“. Dort ist zu lesen:

 

Als Heiland der Geringen muß er gesehen werden, wenn man ihn lebendig sehen will, als Heiland der Verlorenen des Lebens. Er wirft uns immer wieder von allen Höhen herab: Was tust du für die Blinden und Lahmen? Dieses sein Evangelium der Geringen, für das er starb, ist der Urgrund seiner sittlichen Kraft, mit der er uns alle in seine Bahnen fesselt, denn keiner, fast keiner wagt es, innerlich sich dem Geist des grenzenlosen und tatkräftigen Mitleides zu entziehen, den er mit sich bringt.

 

Jesus als Heiland der Verlorenen und Geringen - das bleibt zunächst Naumanns Grundlage für einen etwas unscharf aufgefassten christlichen Sozialismus. Anfangs darin Adolf Stoecker, dem Gründer der christlich-sozialen Partei, nahe, geht er bald eigene Wege. Er versucht, das Verhältnis christlicher Sozialfürsorge zum Sozialismus zu fassen. 1888 schreibt er in einem Aufsatz über die Zukunft der Inneren Mission:

 

Sozialismus und innere Mission sind wie Bruder und Schwester. Der Sozialismus trat als Theorie in die Welt, die innere Mission als Praxis. Der Sozialismus hat die Neigung, alles en gros zu behandeln, die innere Mission möchte en détail vorgehen. Heute sehen wir aber schon, wie sie sich nähern: der Sozialismus steigt von der theoretischen Höhe hernieder und wird in allerlei Gesetzen, Einrichtungen und Kassen konkret, er beginnt sich auf das Verfahren en détail einzulassen, und zu gleicher Zeit gewöhnt sich die innere Mission je länger je mehr an den Großbetrieb.

 

Wie weit konnte diese Annäherung gehen? Naumann will den Arbeitern das Rüstzeug geben für die Verbesserung ihrer Lage, aber auch für die Wahrnehmung des Christentums und für das eigene Christsein. Als er 1890 das Pfarramt verlässt und Vereinsgeistlicher des in Frankfurt am Main ansässigen evangelischen Vereins für Innere Mission wird, gründet er deshalb evangelische Arbeitervereine. Und als Handreichung die „Göttinger Arbeiterbibliothek“, eine Folge kleiner Hefte, für deren Mitarbeit er Historiker, Ökonomen und Sozialwissenschaftler wie Max Weber gewinnt. Engagement und Suchbewegung begegnen sich hier. Und so schreibt er im Februar 1894 in seiner Schrift „Was heißt Christlich-Sozial?“:

 

Uns ist das Christlich-Soziale nichts Fertiges, sondern etwas Werdendes. Die neue Gedankenmacht schwebt über uns und wir ringen mit ihr. Wir fühlen, daß nicht wir das Christlich-Soziale besitzen, sondern das Christlich-Soziale hat uns, es schiebt uns, hebt uns, trägt uns, läßt uns rudern und ringen, läßt uns jauchzen und seufzen, es kommt über uns als Kraft und Gnade, als Zwang und Druck.

 

Im Einsatz für die Lösung der sozialen Frage sieht Naumann einen Dienst am Volk. Er strebt dafür ein Miteinander von Theologen mit Sozialwissenschaftlern, Historikern, Rechtsgelehrten und Ökonomen an. Als Sprachrohr dieser Kooperation dient die von ihm 1894 begründete Wochenschrift „Die Hilfe“, die bis 1902 den Untertitel „Gotteshilfe, Selbsthilfe, Staatshilfe, Bruderhilfe“ trägt - ein Hinweis sowohl auf die christliche Grundlage und das christliche Sozialengagement als auch auf erforderliche politische und ökonomische Aktivitäten. Naumann hatte verstanden, dass aus dem Bezug auf Jesus kein instruktives sozialpolitisches Programm abzuleiten ist. Oder, wie es der evangelische Theologe Christoph Markschies ausdrückt:

 

Man kann nicht mit Jesus von Nazareth aufs Rathaus gehen und überlegen, wie der Arbeiterbildungsverein konstruiert wird. Die Anerkennung der Professionalität der Politik führt zu einem Bruch zwischen Frömmigkeit und Politik und insofern ist die Entwicklung von Naumann aus dem Pfarramt hinaus, das er aufgibt, eine ganz interessante Entwicklung.

 

Im Dezember 1893 besucht Naumann eine Versammlung, auf der ein Sozialdemokrat spricht, der die Sozialdemokratie christianisieren will. Eine harte Rüge des Konsistoriums der Frankfurter lutherischen Kirche ist die Folge. Wenige Jahre darauf beendet Naumann seine Tätigkeit als Pfarrer im Verein für Innere Mission und gründet den nationalsozialen Verein, zu dem neben Protestanten Leute gehören, die aus politischer Motivation zur Lösung der sozialen Frage beitragen wollen.

So offen er mit der Sozialdemokratie umgeht, er hat deutliche Kritikpunkte. Dirk Schuster, Religionswissenschaftler und Historiker, nennt einen:

 

Ein ganz großer Vorwurf von Naumann an die Sozialdemokratie war diese Forderung nach der Republik, die Naumann ja abgelehnt hat. Weil es war im damaligen Zeitgeist nicht vorstellbar, dass so etwas funktioniert: Eine Partei alle vier Jahre muss sich immer wieder dem Wählerwillen stellen, dass die sozusagen die nötigen sozialen Fortschritte machen kann.

 

Eine solche Regierungsform schien Naumann für Deutschland nicht geeignet. Er machte sich Sorgen um den Zusammenhalt in Deutschland. Die junge Nation sah er als nur wenig gefestigt an. Aus seiner Sicht musste die Regierungsform reformiert, aber nicht abgeschafft werden. Er setzte dabei auf den Kaiser Wilhelm II., wie der Historiker Gangolf Hübinger sagt:

 

Für Naumann ist ganz wichtig für seine sozialen Reformideen das soziale Kaisertum, also eine Art bonapartistische Lösung der sozialen Frage. Naumann baut ganz auf den Kaiser als die große Integrationsfigur, die sozialen Probleme lösen zu können. Und er vertraut auf eine Homogenisierung der national geeinten Gesellschaft, jetzt auch in einer Art inneren Reichseinigung, durch einen sozialen Cäsar. Und als den baut er sich Wilhelm II. auf.

 

Naumann sah den Kaiser als Garanten der nationalen Einheit sowie als Motor der Sozialpolitik und 

der gesellschaftlichen Modernisierung. Kaisertum und die aus seiner Sicht nötige innere Demokratisierung gingen für ihn zusammen.

 

 

Naumanns Weg in die Politik war aus der Einsicht erwachsen, dass christliche Wohltätigkeit und das Vorbild eines sozialen Jesus allein die soziale Frage nicht lösen können. Auf dem Weg dahin war er mehrfach mit kirchlichen Behörden in Konflikt geraten. Aber schon als junger Mann war ihm die lutherische Theologie, mit der er als Sohn eines lutherischen Pfarrers groß geworden war, fremd. Theologischen Lehrgebäuden gegenüber war er überhaupt skeptisch. Als er 1903 seinen religiösen Weg bilanziert und seine Position skizziert, schreibt er:

 

Wir finden das Christentum wie einen Weinstock, der sich an einer Wand emporgerankt hat, die  zum Abbruch bestimmt ist. Die alte Wand ist das alte Weltbild der europäischen Völker. Nun wird die alte Wand stückweise durch neues Gemäuer ersetzt. Rebe für Rebe muß abgelöst werden und ganze Hälften des Weinstocks liegen zeitweise wie verlorenes Laub am Boden. Das alles übersteht der Weinstock, wenn nur die Wurzel noch treibkräftig ist. Die Wurzel ist Jesus.

 

Sie ist für ihn stark genug. Auch ohne feste Dogmen. Es gehe darum, wie er sagt, über die Worte Jesu in dessen Inneres zu schauen, dieses innere Wesen aufzunehmen und sich von ihm leiten zu lassen. In den „Briefen über Religion“ sagt er:

 

Das ergibt kein System, keine Lehre, keine Weltanschauung im einzelnen, aber das ergibt eine Erhöhung unseres eigenen armen Personeninhaltes durch das Beste, das wir finden können.

 

Dieser Umgang mit Jesus scheint Naumann jederzeit möglich. Die protestantische Prägung großer Teile der Bevölkerung, die ihm wichtig ist, lässt sich so seiner Meinung nach leichter bewahren. Auch wenn der christliche Weinstock von der Mauer alter Anschauungen gelöst werden muss. Dazu gehört für ihn, die Verknüpfung christlich-sozial weiter zu fassen und das Eigenrecht des Politischen ernst zu nehmen, ohne deshalb das Christsein aufgeben zu müssen. Gerade die intensive Beschäftigung mit Jesus als dem Heiland der Geringen verhilft dazu. Er schreibt:

 

Wenn man diesen Geist in seiner ganzen Schärfe und Einseitigkeit kennt, weiß man auch, daß nur wenige Menschen ihn ganz haben können. Man kann nicht die ganze Menschheitsentwicklung auf Mitleid und Brudergeist aufbauen wollen. Das ist es, was ich meinte, als ich sagte: es gibt Dinge, die sich der christlichen Regelung entziehen. Welt bleibt Welt, und vor dem Mitleid steht die Macht.

 

Jesus will Milderungen der Gewalten, so weit es geht, aber er will keine Regierungslosigkeit. Jesus steht im Geist vor uns und fragt: Wie dient ihr dem Frieden am besten, mit oder ohne Rüstung? Wir antworten: Ach Herr, die Rüstung ist ein schweres Kleid, und wir werden froh sein, wenn wir es ausziehen können, aber heute abrüsten heißt den Tod ins Land rufen! Herr, willst Du das? Mir ist, als hörte ich Jesus sprechen: Das will ich nicht, gehet hin, baut die Schiffe und bittet Gott, daß ihr sie nicht braucht!

 

Friedrich Naumann schrieb diese Zeilen, nachdem er den Ausbau der deutschen Flotte befürwortet hatte, um ein Gegengewicht zur englischen zu bilden. Neben einer starke Außenposition drang er auf innere Reformen. Der Übermacht von konservativen Großagrariern und der von entstehenden Großindustriellen musste gegengesteuert werden. Und zur Festigung der nationalen Einheit musste die Gesellschaft verbürgerlicht werden. Für all das setzte Naumann noch auf den Kaiser, wenn auch zunehmend skeptischer. Als Wilhelm II. im Oktober 1908 dem englischen Daily Telegraph in einem Interview ungeschützt und eitel Einschätzungen und Auskünfte zur deutschen Außenpolitik gab, brach Naumann mit ihm. Es kam zum Krieg und die Flotte wurde eingesetzt. Naumann machte sich Gedanken, wohin die anhaltenden Kämpfe und das erlittene Leid führen sollten. Es musste, so meinte er, über eine Nachkriegsordnung nachgedacht werden. Unter Verzicht auf Annexionen und Kontributionen, aber im Sinne einer neuen wirtschaftlichen und politischen Einheit. Seine Vorstellungen veröffentlichte er im Oktober 1915 unter dem Titel „Mitteleuropa“. Der Historiker Gangolf Hübinger erläutert:

 

Bei Naumann geht es um die Bewältigung des Problems, dass der Nationalstaat allein in einer globalisierten Welt weltwirtschaftlich nicht mehr handlungsfähig ist. Und das ist das Konzept, was Naumann forciert 1915: einen Verbund: Österreich-Ungarn, das Deutsche Reich, Polen und die unterworfenen Gebiete durch das Osmanische Reich unter Hegemonie des Deutschen Reiches. Naumann ist sehr emphatisch. Einer der letzten Sätze aus der Mitteleuropa-Schrift heißt:

„Wir lassen den Nationalstaat hinter uns. Wir kommen aus dem Weltkrieg als Mitteleuropäer.“

 

Die Leitung des Bündnisses „Mitteleuropa“ durch Deutschland ergab sich für Naumann zum einen aus seiner großen Bevölkerungszahl, zum anderen aus dem hohen Stand seiner wirtschaftlichen Entwicklung. Es sollte so eine Einheit geschaffen werden, die neben anderen großen Länder- und Wirtschaftskomplexen bestehen kann und viele kleine Völker und Staaten einbindet. Als Vorbild für eine solche Konstruktion spielte das Vielvölkerreich Österreich-Ungarn eine Rolle. Aus Naumanns Mitteleuropa-Konzept wurde nichts. Der Versailler Vertrag ließ dafür keinen Raum. Naumann, der gegen seine Unterzeichnung eintrat, stellte sich schnell auf die neuen Gegebenheiten ein. Seine Sorge galt dem Zusammenhalt des Volkes in der aktuellen Notlage.

 

Was er zuvor mit dem Kaisertum verbunden hat, versucht er jetzt mit dem Verfassungsstaat, dem deutschen Volk wieder etwas ideologisch zu geben, an dem man sich festhalten kann. Dass sich auch, wenn mein Nachbar Konservativer ist und ich Liberaler oder Sozialdemokrat, dass man trotzdem zusammenlebt und sich nicht die Köpfe einschlägt, um die Gesellschaft beieinander zu halten, damit das Ganze nicht im Bürgerkrieg endet.

 

Schon lange in linksliberalen Vereinigungen aktiv, beteiligte sich Naumann nun an der Gründung einer neuen liberalen, der Deutschen Demokratischen Partei, deren erster Vorsitzender er wurde.

Stark sozial orientiert, suchte sie die Zusammenarbeit mit der SPD. Vom neuen Staatswesen sagte Naumann:

 

Die Republik erschien als bescheidene Notwendigkeit. Wer sie früher im Strahlenglanze eines hohen Freiheitskampfes hatte begrüßen wollen, mußte seine Palmenzweige noch etwas zurückhalten, denn die Republik kam im Hauskleide der mühsamen täglichen Pflicht. Keinen Tag war sie ganz sicher. Darum aber lernten wir alle für sie sorgen wie für ein mattes Kind.

 

Damit war es Naumann ernst. Er engagierte sich intensiv im Verfassungsausschuss, trat unter anderem für das Recht auf Arbeit und die Gewinnbeteiligung der Arbeiter ein. Und setzte entgegen sozialdemokratischem Vorhaben die Anerkennung der Kirchen als Körperschaften des öffentlichen Rechts durch. Der unermüdliche Politiker, Redner und Volksaufklärer, der begnadete Publizist und Schriftsteller, der zeitlebens bibelfromme und jesusfromme Christ starb, am Ende ausgelaugt und erschöpft, am 24. August 1919 in Travemünde. Begraben wurde er in Berlin, wo er seit 1897 gelebt und gewirkt hatte. Max Weber, sein langjähriger Berater und Freund, schrieb nach seinem Ableben an dessen Frau:

 

Immer wieder hat man sich menschlich daran aufgerichtet, daß er da war, daß jemand existierte, den die Politik nicht menschlich erstarrt, mechanisiert, brutal oder raffiniert gemacht hatte. Die Größe seiner Erscheinung lag nicht in dem, was er wollte, sondern wie er es wollte und wie er seine Sache führte. Unverloren bleibt vor allem die Tatsache: daß ein Mensch sich innerlich so selbst behauptete in einer Zeit, die für ihn nicht geschaffen war. Entweder er kam zu früh oder zu spät. Einerlei: daß es ihn gegeben hat, ist etwas, was uns allen ganz unverlierbar ist.

 

Musik:

Tomasz Stanko Quintet, Dark Eyes

 

13.06.2019
Gunnar Lammert-Türk