Beschenkt

Morgenandacht

Gemeinfrei via Unsplash/ Silas Baisch

Beschenkt
05.12.2022 - 06:35
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Heute vor zwei Jahren prescht Extremsegler Boris Herrmann mit seiner Rennyacht „Malizia“ durch den Indischen Ozean. Die nächste menschliche Behausung ist am Kap der guten Hoffnung und das befindet sich gute 2000 Kilometer entfernt.

Einen Monat ist Boris da schon unterwegs auf der Vendee-Globe-Regatta. Alleine und nonstop um die Welt. Tag und Nacht treibt Boris sein Segelboot durch die teils haushohen Wellen, an diesem Tag ist er zwischen Afrika und der Antarktis. Geschwindigkeiten von 40 Stundenkilometern sind keine Seltenheit. Ständig ist er gefordert, muss die Segel anpassen, den Kurs neu bestimmen, sein Schiff und auch sich vor Stürmen und Kollisionen bewahren. Zwischendrin mal schnell Essen aus der Tüte und ein paar Minuten Schlaf. Das ist Stress pur und Einsamkeit pur. Beides macht ihm schwer zu schaffen. Körper und Seele am Limit.

Boris Herrmann ist da draußen in der tosenden Wasserwüste alleine. Aber in ihm fährt seine Welt mit. Und so vergisst er nicht, dass heute der 5. Dezember ist. Abends stellt er einen Bordschuh vor seine Kajüte und packt Schokolade hinein. Am nächsten Morgen freut er sich, dass ihm jemand zum Nikolaustag etwas Süßes in den Schuh gelegt hat. „Der Tag fängt gut an!“, denkt er sich.

Diese kleine Geschichte erzählt Boris Herrmann in seinem Buch über die Regatta. Mich hat sie sehr angerührt: Mitten in Stress und Meeresgetöse ist Zeit für diesen kleinen und verletzlichen Moment des Innehaltens, der persönlichen Freude. Der Einsamkeit da draußen auf dem Meer stellt Boris eine Geste der Liebe entgegen: den Nikolaus-Brauch. Um den Nikolaus ranken sich zahlreiche Legenden. Die meisten erzählen, wie er arme Menschen beschenkt und aus der Not befreit. An den Nikolaus und seine Geschenke erinnern sich viele. Symbolisch führen sie seine Großzügigkeit fort – zumindest in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember, insbesondere dort, wo Kinder leben. Denn: Natürlich hat der Nikolaus die kleinen Geschenke und Süßigkeiten in die Schuhe gelegt, die große und kleine Kinder vor ihre Tür gestellt haben.

Diese warmherzige Geste holt Boris auf sein Boot. Weil er da alleine ist, muss er sowohl die Rolle des Schenkenden, als auch die Rolle des Beschenkten übernehmen. Aber das ist vielleicht sogar doppelte Freude, denn beides ist ja schön: das Schenken und das Beschenkt werden. Ich kann mir gut vorstellen: da schwingen Erinnerungen an zuhause mit, an die vielen Menschen, die ihm wohlgesonnen sind und sein Leben begleiten.

Denn am Nikolaustag geht es nicht nur um Schokolade, sondern um viel mehr. Der Tag rührt an ein starkes Gefühl im Menschen: Die Freude am Schenken und am Beschenkt werden. Etwas bekommen, ohne es sich verdienen zu müssen. Das reicht tief in die Seele. Diese Geste drückt in kleiner Münze aus, was für das ganze Leben gilt: es ist geschenkt und begleitet. Als Christ sehe ich mich von Gott mit dem Leben beschenkt und von Gott begleitet. Auch dafür steht der Nikolaus mit seinen Gaben. Viele tun es ihm bis heute nach, man kann sie als Botschafterinnen und Botschafter der Liebe Gottes verstehen. Jedenfalls: Sie leben den Brauch am Nikolaustag und beschenken ihre Lieben. Dabei tut es beiden Seiten gut zu wissen: Ich bin nicht allein, sondern begleitet und geliebt von anderen. Schenken und Beschenkt werden.

Heute Abend ist es soweit. Da werden wieder unzählige Schuhe vor die Tür gestellt. Hoffentlich schlupfen ebenso viele Menschen in die Rolle des Nikolaus´ und tun etwas hinein. Vielleicht ja auch für jemanden, der gar nicht damit rechnet. Boris Herrmann, da bin ich sicher, wird auch mitmachen.

Es gilt das gesprochene Wort.