Denken – Sprechen – Handeln

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Witten im Ruhrgebiet, im Jahr 1944. Fast die Hälfte aller Arbeitskräfte in der Stadt sind Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter – darunter auch viele Kinder. (1) Von September 1944 bis März 1945 sind im Stadtteil Witten-Annen 750 Männer in einer Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald untergebracht. Überwiegend politische Gefangene, Franzosen. Sie leisten Zwangsarbeit in einem Gussstahlwerk. Arbeit für die Rüstungsindustrie. Bewacht werden sie von der SS. Baracken und Stacheldrahtzaun – zwischen Wohnhäusern, Schulen und Kirchen. Nach dem Krieg verwilderte das Gelände. Heute gibt es hier eine Gedenkstätte.

 

Mitte der 90er Jahre nahm ich in Witten-Annen an einer Gedenkfeier für die Zwangsarbeiter teil. Sie ist mir fest in Erinnerung geblieben. Viele Leute waren gekommen, darunter zahlreiche Zeitzeugen des Lagers. Ein älterer Mann schüttelte immer wieder den Kopf. Ich sprach ihn an. Er erzählte, dass er damals noch Kind war und von nichts gewusst hätte. Ich sagte: „Aber Sie müssen doch die vielen Arbeiter gesehen haben, die vom Lager aus zum Werk zur Arbeit gingen. Sie liefen doch hier mitten durchs Wohnviertel.“ – „Ja“, sagte der Mann. „Wir haben sie gesehen. Die sahen schlimm aus. Ganz schlimm. Wir Kinder hatten Angst vor ihnen.“

 

Einer der KZ-Häftlinge aus Witten-Annen dagegen, ein französischer Diplomat namens Albert Chambon, hat eine Autobiografie geschrieben. Darin beschreibt er das Lagerleben in Witten und wie sich sein Herz zusammenkrampfte, wenn er die ordentlich gekleidete Annener Bevölkerung sah. Oder wie er durch ein Fenster „einen gedeckten Tisch (sah), mit einer bürgerlichen Lampe darüber, welch’ unendliches Glück ist das?“, schreibt er. (2)

Die „ordentlich gekleidete“ Annener Bevölkerung und die Zwangsarbeiter – sie haben einander wahrgenommen.


Der Mann neben mir bei der Gedenkfeier sagte weiter: „Wissen Sie, es war ja so. Man hatte uns gesagt: Das sind Untermenschen. Und so sahen die auch aus. Furchterregend. So dreckig, in Lumpen, so abgemagert, die sahen fast aus wie Skelette. Ich weiß noch, dass ich dachte: So sehen also Untermenschen aus. Dass das Menschen sind wie wir, das konnte ich mir als Kind gar nicht vorstellen. Dass sie genauso Gefühle hatten wie wir, auch nicht. Untermenschen, das musste irgendwas anderes sein.“

 

Diese Begegnung hat mir sehr eindrücklich gezeigt, was Sprache mit unserem Denken machen kann. Wie gezielte Propaganda uns manipulieren und unsere Weltsicht bestimmen kann. Wie dabei Mitgefühl in Angst oder Gleichgültigkeit verkehrt werden kann.

 

Vor kurzem wurde mir diese Begegnung wieder einmal in Erinnerung gerufen. Bei ihrer Sommerpressekonferenz Mitte Juli hat Bundeskanzlerin Angela Merkel gesagt: „Ich glaube, dass es zwischen Denken, Sprechen und Handeln einen ziemlich engen Zusammenhang gibt.“ (3) Dabei bezog sie sich sie auf die sozialen Netzwerke und die Politik. Die Art und Weise, wie über hier über politische und gesellschaftliche Themen diskutiert wird. Wo es von Sprachbildern nur so wimmelt: Flüchtlingsstrom oder gar Flüchtlingstsunami, Asyltourismus, Überfremdung, Asylgehalt oder Integrationsverweigerer.

 

Oft wiederholte Begriffe prägen unser Denken und Handeln. Darin sind sich Psychologen und Hirnforscher einig. Sprachbilder haben Kraft. Sie haben gerade durch die Gefühle, die sie hervorrufen, einen großen Effekt (4). So können sie gezielt eingesetzt werden, um Menschen zu beeinflussen und sie aufzuhetzen. Sprachbilder können Stimmungen erzeugen und Atmosphären vergiften – und sogar Wahlen entscheiden.

 

Gegen die Verrohung der Sprache und die Gefahr, die davon ausgeht, gingen Ende Juli in München mindestens 25.000, nach Angaben der Veranstalter sogar 50.000 auf die Straße. Unter dem Hashtag „#ausgehetzt“ protestierten sie gegen eine Sprache, die Menschen aufhetzt. Gegen eine gezielte Politik der Angst. Rund 130 Verbände der Zivilgesellschaft waren beteiligt, darunter auch kirchliche. Christinnen und Christen ist die klare, wahrhaftige und menschenfreundliche Rede von Jesus ins Stammbuch geschrieben – und eine Sprache, die nicht ausgrenzt, sondern Brücken baut. Die nicht vergiftet und zerstört, sondern heilt. Wie gut, wenn Worte dann Gefühle wecken und das Denken und Handeln prägen!

 

  1. https://www.witten.de/willkommen-in-witten/startseite/denkmal-des-monats/einzelansicht/news/denkmal-des-monats-mai-2015-das-zwangsarbeitslager-westfeldstrasse-und-kz-aussenlager-buchenwald/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=70d89a74d1dbb5dec96dbde256b5dfe6

Denkmal des Monats Mai 2015: Das Zwangsarbeitslager „Westfeldstraße“ und KZ-Außenlager Buchenwald

 

  1. https://www.derwesten.de/staedte/witten/haeftling-81490-erinnert-an-das-kz-in-annen-id8415234.html
     
  2. https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-07/angela-merkel-sommer-pressekonferenz-csu-fluechtlingspolitik

 

  1. https://www.zeit.de/zeit-wissen/2012/06/Sprache-Worte-Wahrnehmung/komplettansicht?print

Sprachpsychologie: Die Macht der Worte Sprache hat einen verblüffenden Einfluss auf das Denken: Andere können uns durch Wörter subtil manipulieren, und unsere Muttersprache beeinflusst sogar, wie wir die Welt sehen. Von Stefanie Kara und Claudia Wüstenhagen

9. Oktober 2012, 8:00 Uhr Editiert am 21. Februar 2017, 14:47 Uhr ZEIT Wissen Nr. 6/2012

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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