Fragen sind wichtiger als Antworten

Morgenandacht
Fragen sind wichtiger als Antworten
23.06.2021 - 06:35
Sendung zum Nachhören

Die Sendung zum Nachlesen: 

Ich halte es für einen Irrtum, anzunehmen, dass wir Menschen immer Antworten auf unsere Fragen haben wollen. Natürlich gibt es da die Fragen, die nicht so im Raum stehen bleiben sollen, die eine schnelle und unkomplizierte Reaktion erfordern. Etwa wenn ich mich erkundige, wie spät es ist, oder wie ich den Weg zum Bahnhof finde.
Aber daneben geht mir dermaßen viel durch den Kopf, was gar nicht so direkt beantwortet werden kann. Etwa der Selbstvorwurf: Warum muss das ausgerechnet mir passieren? Oder die Grübelei: Wie finde ich zu einem erfüllten Leben? Oder: Ist es richtig, wie ich mich entschieden habe? Fragen führen durch das Leben, sie sind ein Mittel zur Orientierung und deshalb so wichtig, und zwar ganz unabhängig von den jeweiligen Antworten.
Als Seelsorger sind mir häufig Menschen begegnet, die ihre Fragen ausführlich ausbreiten, aber eigentlich keine Reaktion darauf erwarten. Jedenfalls keine schnelle Antwort. Schon mit der Miene drücken sie aus, man möge ihnen die Frage doch nicht wegnehmen, etwa durch einen Ratschlag. Mit schnellen Antworten würde ich die Gedanken des Mitmenschen zerstören. Es gibt tatsächlich dieses Bedürfnis, sich seine persönlichen Fragen im Leben zu sichern. Denn das Schlimmste wäre es, keine Fragen mehr zu haben. 
Mindestens eine ganze Geisteswissenschaft lebt davon, Fragestellungen zu kultivieren. Nicht weil man keine Antwort wollte, sondern weil es keine gibt, jedenfalls keine, die über den Wandel der Zeit hinweg bestehen könnten. Ich spreche von der Theologie, die immer gleiche Fragen stellt: Woher kommt die Welt? Hat sie einen Anfang und ein Ende? Wieso gibt es so viel Leid in der Welt, warum ist nicht einfach alles immer gut? Frage um Frage, und auch wenn ich darauf keine absolut gültige Antwort erwarten kann, muss ich sie doch immer wieder stellen. Im Grunde genommen stehen in allen Religionen weniger die Antworten im Vordergrund, es geht vielmehr um die Kultur der Fragestellung.
So geht es mir auch mit dem Gottesdienst. Bei guten Predigten komme ich häufig an den Punkt, an dem ich nicht weiter zuhöre. Ich schalte innerlich ab, weil die entfaltete Fragestellung mir genügt; dann ist es viel reizvoller, den eigenen Gedanken zu folgen. Irgendeinen Gedankenzipfel habe ich erwischt, den halte ich fest, den spinne ich weiter. Die biblischen Schriften bieten mir Anregung zum Weiterdenken. Die Bibel ist gerade deshalb über die Zeiten hinaus von Bedeutung, weil sie keine fertigen Antworten liefert, sondern eher das Material zum Selbstdenken bietet. Deshalb erwarte ich von der der Bibel auch keine praktischen Ratschläge, es ist schon genügend, wenn sie mir bei der Fragestellung hilft.
Religion wäre so eine Kultur der Fragestellung. Bei Glaubensfragen kommt es dann gar nicht mehr so sehr auf die Antwort an, viel wichtiger wird, die Fragen nicht zu vergessen: Woher komme ich, wohin gehe ich? Wann ist das Leben zu Ende? Wie kann ich zu dem einen sinnvollen und gerechten Leben finden? In der Beschäftigung mit der Bibel suche ich Antworten auf solche Fragen. Und wahrscheinlich werde ich diese Fragen immer wieder stellen, weil jede Antwort immer auch mit der Person und Situation der Fragenden zusammenhängt. Aber die Suche aufzugeben hieße, das Leben aus dem Blick zu verlieren. Deshalb: Manchmal ist es gut und wichtig, auf existenzielle Fragen nicht gleich eine Antwort parat zu haben. Die Ratlosigkeit zu verstehen, die eigene und die meiner Mitmenschen, das Ringen um Wahrheit zu teilen, und dann gemeinsam auf die Suche zu gehen, das ist schon eine ganze Menge. 
In der Sesamstraße bringt es die Titelmelodie auf den Punkt. Kinderstimmen singen: „Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt bleibt dumm!“ Religiös zu sein bedeutet genau dies: Verlerne es nicht, Fragen zu stellen, und vertraue nicht den schnellen Antworten.

Es gilt das gesprochene Wort.