Gehört das Christentum zu Deutschland?

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Mit einer Reisegruppe sind wir nach Myanmar gefahren, in das Land, das früher Birma hieß. Es war eine Studienreise mit dem Ziel, die Religion des Buddhismus besser zu verstehen. Und auch die eigene Religion, denn manchmal ist das einfacher, wenn man andere Lebens- und Glaubensformen kennenlernt. Einer der Höhepunkte der Reise nach Myanmar ist der Besuch der Schwedagon-Pagode in Rangun. Eine riesige Tempelanlage, die als Zentrum des Birmanischen Buddhismus gilt.

Schwedagon heißt übersetzt „goldene Hügel“, und das haben die Menschen, die hier leben, wörtlich genommen. Die Kuppel der Pagode, die sich fast 100 Meter über dem Boden erhebt, ist vollkommen mit Gold überzogen und strahlt weit ins Land. Mehrere Tonnen Gold sind dabei verarbeitet worden, dazu um die neunzigtausend Edelsteine. Ein ungeheurer Wert, gerade für ein Land, das nach wie vor zu den ärmeren der Welt gehört. Nicht wenige Menschen müssen in Myanmar mit zwei bis drei Dollar pro Tag auskommen.

Entsprechend sind die Reaktionen der Besucher. Eine Teilnehmerin unserer Reisegruppe, eine Lehrerin, zeigt sich empört: „Dafür hätte man doch besser Schulen bauen sollen“, äußert sie und zeigt keinerlei Verständnis für die goldene Pagode. Statt Millionen für goldene Tempel auszugeben, wäre es doch besser in die Bildung zu investieren und Lehrkräfte einzustellen. Eine andere Teilnehmerin, eine junge Studentin, reagiert darauf prompt und entgegnet: „So funktioniert Religion aber nicht!“ Ein Einwand, der mich nachdenklich macht: Wie funktioniert Religion? Ich meine nicht nur in Myanmar, sondern hier bei uns? Wie funktioniert Religion in Deutschland?

Die Haltung, Glaube gegen Bildung aufzurechnen, erscheint vollkommen normal. Viele halten es für falsch, Vermögen in die Kirchen zu stecken, so lange Menschen keine Arbeit haben, nicht Schreiben und Lesen lernen oder gar hungern müssen. Und damit ist die Rangfolge bereits festgelegt: Zuerst das Brot, dann der Glaube. Oder anders formuliert: An erster Stelle die diakonische Hilfe, dann erst kommt das spirituelle Erleben.

So funktioniert Religion in Deutschland. Und deshalb bekommt man auf die Fragen nach dem Sinn der Kirche häufig die Antwort, sie tue etwas für die Armen und Kranken, helfe in Not und engagiere sich für Benachteiligte. Kirche in Deutschland – das ist in weiten Bereichen ein umfassendes Sozialunternehmen, das mit Spiritualität nur am Rande zu tun hat. Praktizierte Nächstenliebe, und die drückt sich nun mal eher in Schulen und Waisenhäusern aus als in goldenen Tempelanlagen.

So rechtfertigt sich Kirche und in dieser Weise gehört das Christentum auch gern zu Deutschland. Aber es ist doch nur eine Sichtweise von vielen möglichen. Und sie hat einen gravierenden Nachteil: Wenn nämlich die Sozialversorgung der Menschen auch unabhängig von der Kirche funktioniert, wenn der Staat ausreichend für die Armen und Kranken sorgt, dann gerät die Kirche schnell aus dem Blickfeld. Man meint, sie nicht mehr zu brauchen, oder rückt sie vollends in den Bereich des Privaten.

Dass unsere funktionierenden Sozialsysteme gerade aus christlicher Identität erwachsen sind, ja dass soziale Netzwerke nichts anderes sind als in die Praxis gesetzte Nächstenliebe, das wurde in den Begegnungen mit den Menschen in Myanmar bewusst. Die dort lebenden Menschen haben uns einen ganz anderen Umgang mit der Religion vor Augen gehalten: Gerade weil sie kaum eine staatliche Absicherung erwarten können, investieren sie so viel in die Hoffnung. Ihre goldenen Tempel sind Ausdruck für einen Himmel, der das bietet, was die Welt ihnen vorenthält.

Wieweit das Christentum zu Deutschland gehört, das merkt man manchmal erst, wenn man in die Ferne schweift. Und dann sieht man auf einmal auch die Gefahr, dass vor lauter Weltverbesserung der Himmel vergessen wird.

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