Gehört das Christentum zu Deutschland?

Traditionen
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Auf dem Weg in den Urlaub fuhr ich mit dem Auto in die Alpen und kam durch ein kleines Dorf in Österreich. In der Mitte des Ortes stockte der Verkehr plötzlich, es ging keinen Schritt mehr weiter. Aber diesmal war es irgendwie anders, die Stimmung war nicht so, wie man es sonst von Staus auf den Autobahnen kennt, nicht so genervt. Die meisten Autofahrer schalteten die Motoren ab, einige stiegen sogar aus. Keiner zeigte sich ungeduldig oder gereizt.

Der Grund für diese unerwartete Unterbrechung war ein Trauerzug. Er zog sich von der kleinen Kirche am Markt herkommend, über die Hauptstraße hin zum Friedhof, der auf der anderen Seite des Dorfes lag. Für den Moment schien die Zeit in der Ortschaft wie angehalten. Die Passanten blieben stehen, bei einigen konnte ich beobachten, wie sie die Kopfbedeckung abnahmen und dem Trauerzug schweigend hinterherschauten. Ich konnte es direkt spüren, wie sie in Gedanken Anteil nehmen wollten. Und auch der Autoverkehr musste ruhen, um die Prozession vorbeiziehen zu lassen.Als „memento mori“ wird das in der Theologie bezeichnet, so eine kurze Pause, ein Innehalten im Alltagsablauf, bei dem die eigene Sterblichkeit in Erinnerung gerufen wird: Denk daran, dass auch dein Leben begrenzt ist, erinnere dich daran, dass auch du einst davon musst und keine dauernde Bleibe hier hast! Dieser kurze Moment, der den gewohnten Tagesablauf unterbricht, dient also nicht nur dazu, der verstorbenen Person Respekt zu erweisen, zugleich ist es eine Selbstbesinnung.

Erst nach dieser unerwarteten Unterbrechung, als das Glockengeläut aufgehört hatte, ging es dann wie gewohnt weiter. Die Menschen zogen ihres Weges und die Autoschlange löste sich langsam wieder auf.

Ich selbst bin Pastor in einer größeren Stadt in Norddeutschland. Dort sind solche Traditionen kaum mehr anzutreffen. Neulich wurde ich auf dem Weg zum Friedhof von einem besonders eiligen Fahrer überholt und abgedrängt, obwohl das Fahrzeug des Bestatters von weitem zu erkennen ist. Auch auf dem Friedhof hat sich vieles verändert. Dass diese letzten Schritte zum Grab schweigend gegangen werden, also ohne zu plaudern; dass man am Grab den Hut abnimmt und auf dem Friedhof auch nicht raucht – das ist nicht mehr selbstverständlich.

Was früher üblich und allen bekannt war, bedarf heute der Erklärung. Traditionen brechen ab: es ist kaum zu übersehen, dass viele Menschen  mit religiösen Traditionen fremdeln. Sie sind irritiert, kennen oft die Gepflogenheiten nicht mehr oder halten sie sogar für altmodische Regeln von vorgestern. Aber mit so einem Pauschalurteil wird den Traditionen unrecht getan. Sie sind nur selten überflüssiger Ballast, sondern wirken sich oft auch wohltuend aus. Dann nämlich, wenn sie entlastend sind. Gerade die religiösen Traditionen entbinden Menschen von der Not, Worte für das Unsagbare finden zu müssen: Trost, Beistand, Fürsorge, alles das lässt sich durch eine Geste viel leichter sagen. Ich muss dann nicht mehr alles erklären und lange Reden halten, wenn die Tradition dafür sorgt, dass meine Handlung verstanden wird.

Still zu werden oder die Hände zu falten, das kann dann mehr sagen als tausend Worte. Traditionen geben Auskunft über innere Werte, sie sind gelebter Zugang zum Glauben. Religiöse Traditionen zeigen das nach außen, was mit Worten nur schwer zu beschreiben ist: Wer etwa die Kopfbedeckung abnimmt, erweist Respekt; wer still wird zeigt Ehrfurcht; wer die Hände faltet, bekundet die Bereitschaft, sich nicht selbst als das Wichtigste in der Welt zu betrachten. Und ein spontaner Kniefall durch einen Politiker vor einem Mahnmal kann sogar Geschichte schreiben ohne jedes Wort. Traditionen stehen für Werte  und Verhaltensweisen, die im Zusammenleben wichtig sind. Und ein bisschen zeigen sie auch, in welchem Maße der Glaube zum Leben gehört.

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