Lob und Dank

Morgenandacht

Gemeinfrei via unsplash/ Jackson David

Lob und Dank
28.05.2022 - 06:35
Sendung zum Nachhören

Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage! 

Die Sendung zum Nachlesen: 

Paul Gerhardt, wohl der bekannteste deutsche Liederdichter, ein Meister der Dichtkunst. Gestern war sein Todestag. Am 27. Mai 1676 ist er im Alter von 69 Jahren in Lübben im Spreewald gestorben. Letztes Jahr bin ich in seiner Kirche in Lübben gewesen, die inzwischen seinen Namen trägt. Ein freundlicher älterer Herr hatte Aufsicht und zeigte uns die Kirche. Ganz coronakonform haben wir dann mit Maske und Abstand im Chorraum der Kirche gesungen: Du meine Seele singe, eines der wunderschönen Lieder Paul Gerhardts aus dem Evangelischen Gesangbuch (EG 302). Kongenial hat es Johann Georg Ebeling vertont. Mit den Versen schwingt sich die Melodie in luftige Höhen.

Ob die Menschen damals in Lübben geahnt haben, was für einen Meister der Sprachkunst sie da als Pfarrer hatten? Man muss aber kein Intellektueller sein, um die Lieder Paul Gerhardts erfassen zu können. Er ist für mich auch deshalb ein Meister der deutschen Sprache, weil er empfindsam und ungekünstelt, gefühl- und phantasievoll dichten konnte. So dass es alle Menschen verstehen konnten. Jedem seiner Lieder spürt man ab, dass der Dichter die Hoch- und Tiefpunkte des Lebens am eigenen Leib erlitten und genossen hat. Er wusste, wovon er sprach. Das strahlt aus, auf einfache und auf gebildete Menschen. In seinen Liedern stellt er sich an ihre Seite. In der Lübbener Kirche hat sich unser Gesang mit seinen Versen in den Chorraum geschwungen – eine sehr bewegende Erfahrung. Die man überall machen kann, wo man Paul Gerhardts Lieder singt.

Paul Gerhardt hat für alle Menschen geschrieben und zum Lob Gottes. Dabei hat er kein leichtes Leben gehabt. Seine Eltern starben früh, Paul Gerhardt war noch ein Kind. Den dreißigjährigen Krieg hat er zur Gänze miterlebt und unter den Folgen gelitten. Von fünf Kindern blieb ihm zuletzt nur ein Sohn.

Ich habe mich gefragt, ob Paul Gerhardt verzweifelt wäre, wenn er geahnt hätte, dass der Krieg, der in seinem 11. Lebensjahr begonnen hatte, dreißig Jahre lang andauern würde. Dass er die besten Jahre seines Lebens nicht in Frieden würde leben dürfen. Mir erscheint der Krieg in der Ukraine jetzt schon unerträglich lang. Dreißig Jahre sind tatsächlich unfassbar. Und das Leid der Menschen so groß! Wie beachtenswert ist es, dass ein Mensch nach dreißig Jahren Krieg noch sein Gottvertrauen bewahren kann.

Paul Gerhardt hat sich in all dieser Gewalt und diesem Elend nicht völlig gottverlassen gefühlt, und diese Gewissheit hat er dichtend mit anderen geteilt.

„Wer gibt uns Leben und Geblüt? Wer hält mit seiner Hand, den güldnen, werten, edlen Fried in unserm Vaterland?“ (EG 324, 6) fragt Paul Gerhard in einem Lied, das er fünf Jahre nach dem Ende des dreißigjährigen Kriegs gedichtet hat. Wie oft habe ich diese Strophe gesungen. Erst jetzt, in Zeiten des Kriegs, wird mir die Innigkeit dieser Verse bewusst. Tatsächlich, Frieden ist gülden, wertvoll und edel.

Sicherlich ist sein Glaube die Möglichkeit für den Dichter Paul Gerhardt gewesen, die Schreckenszeiten zu überstehen. Sein Glaube war die Quelle seiner persönlichen Resilienz. Sein Testament an seinen einzig überlebenden Sohn Paul Friedrich zeigt auch die strengen und ernsten Seiten Paul Gerhardts, in der Kirche in Lübben kann man diesen letzten Willen nachlesen. Paul Gerhardt war ein Mensch, dem Anstand zutiefst wichtig war. Diese Haltung hat ihn auch viel gekostet.

Die Überschrift über seinem Letzten Willen ist aber keine Mahnung, sondern ein Dank. Ein Dank an Gott für alle Güte und Treue. Was für ein Resümee über einem Leben, zugleich ein trotziger Widerspruch gegen dreißig Jahre Krieg und Leid. Was die Überschrift über dem eigenen Leben ist – das kann einem kein Mensch vorschreiben. Jeder Mensch hat da die Deutungshoheit.

Paul Gerhardt hat den Dank gewählt.

Es gilt das gesprochene Wort.