Martin Luther und das Rosenkranzgebet

Morgenandacht
Martin Luther und das Rosenkranzgebet
02.06.2016 - 06:35

Die Begebenheit mit dem Rosenkranz erlebte ich in Jerusalem. Mit einer Gruppe aus meiner Gemeinde war ich nach Israel gefahren, um dort Ostern zu feiern. Während der Besichtigung der Gethsemane-Kirche am Fuß des Ölbergs trat ein junger Mann auf mich zu. In den Händen hielt er einen Rosenkranz aus Olivenholz, den er wohl gerade dort, an einem für ihn heiligen Ort, erstanden hatte. Etwas radebrechend trug er mir mit wenigen englischen Worten seine Bitte vor, ich solle ihm bitte diesen Rosenkranz segnen. An meiner Kleidung hatte er erkannt, dass ich ein Pastor sein muss, und die Konfession war ihm dabei offenbar unwichtig. Hauptsache, der Rosenkranz aus Jerusalem würde gesegnet.

 

Nun gilt gerade der Rosenkranz als Ausdruck einer besonderen katholischen Frömmigkeit. In evangelischen Gemeinden stoßen sowohl der Rosenkranz als auch das mit ihm verbundene Gebet eher auf Unverständnis.

 

Aber ganz so einfach ist das mit der konfessionellen Zuordnung nicht. Gebetsketten, und dazu gehört auch der Rosenkranz, sind so ziemlich in allen Religionen bekannt. Indem man die Perlen einer solchen Gebetskette durch die Finger gleiten lässt, lässt sich die Umwelt besser abschalten, so dass man sich ganz auf sich selbst, auf Gott und das Zwiegespräch mit ihm konzentrieren kann. Die Perlen auf der Schnur haben dabei den Zweck, die gesprochenen Gebete mitzuzählen. Und dafür ist eine Hilfe nicht überflüssig; immerhin war es im Mittelalter üblich, mit Hilfe der 59 Perlen des Rosenkranzes genau 150 Gebete zu sprechen, und zwar Mariengebete und Vaterunser in fester Reihenfolge. Genauso viele Gebete wie es Psalmen gibt. Um dabei nicht aus dem Rhythmus zu kommen taten die Perlen der Kette ihren Dienst.

 

Die Reformatoren zeigten sich schon angesichts der Zahl von 150 vorgeschriebenen Gebeten kritischer. Martin Luther war jedenfalls skeptisch, vielleicht weil er in seiner Zeit als Mönch des Augustinerordens selbst die Rosenkranzgebete wie vorgeschrieben verrichten musste. Und wohl auch, weil das Rosenkranzgebet mit seinem Ave Maria so zentral auf die Person der Maria gerichtet ist. Trotz dieser Bedenken blieb Martin Luther das Rosenkranzgebet immer vertraut. Die Rose, das Symbol für Maria, übernahm er sogar für sein persönliches Wappen.

 

Etwas schwerer taten sich dann allerdings die Protestanten. Ihnen blieb der Rosenkranz immer verdächtig, vielleicht wurde er auch als Ausdruck der konfessionellen Abgrenzung abgelehnt. Schon um deutlich zu machen, dass es Lutheranern darum geht: inhaltlich gestaltete Gebete zu sprechen und nicht verordnete Formeln und vorformulierte Texte.

 

Genau das drückt eine Gebetskette aus, die seit einiger Zeit unter evangelischen Christen verbreitet ist. Der schwedische Bischof Lönnebo hat sie entwickelt und ihr den Namen “Perlen des Glaubens“ gegeben. Dabei handelt es sich tatsächlich um eine Art evangelischen Rosenkranz mit 18 Perlen. Diese werden aber nicht festen Texten zugeordnet, die auswendig aufgesagt werden. Stattdessen regt jede einzelne Perle dazu an, auf eine Bedeutung einzugehen. Sie möchten gedeutet werden in der eigenen Biographie oder als Lebensweg Jesu. Der mit dieser Perlenkette betende Mensch kann darüber nachdenken, ein kleines Gebet sprechen oder auch nur schweigen. So finden auch evangelische Christen über die ‚Perlen des Glaubens‘ wieder zur alten Tradition der Gebetskette zurück.

 

Den jungen Mann auf dem Ölberg in Jerusalem habe ich mit seinem Wunsch nach Segen nicht zurückgewiesen. Nach evangelischer Tradition richtet sich der Segen an die Menschen. Deshalb bat ich ihn, seinen neuen Rosenkranz in die Hände zu nehmen, um ihn zusammen mit der Gebetskette zu segnen.