Moby Dick. Mein Vater

Morgenandacht

Jaredd Craig / Unsplash

Moby Dick. Mein Vater
16.09.2021 - 06:35
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Weißer Einband, darauf das kolorierte Bild mit dem Wal. Winzig kleine Menschen in einem Boot, rauschende See, übermächtiges Schicksal. Mein Vater schenkt mir diese Ausgabe von Moby Dick, das ist viele Jahre her. Wir ahnen damals beide nicht, dass dieses Buch zu unserem Buch werden wird, die Geschichte von der Jagd auf den weißen Wal zu unserer Geschichte. Bis heute klebt ein kleines Viereck über dem Strichcode mit der ISBN-Nummer und dem Preis. Zahlen schimmern hindurch. Es ist die Übersetzung der Erstausgabe von Moby Dick, die erschien 1851 in London und New York. In diesem Herbst wird das „seltsamste und erstaunlichste Buch der Welt“, wie D.H. Lawrence es nennt, 170 Jahre alt.

 

Es sind Tage unter einer sanften Sonne als ich Moby Dick das erste Mal lese. Mehrmals in der Woche spaziere zum Krankenhaus, in der Umhängetasche der Roman von Herman Melville. Die Glastür zum Foyer öffnet sich geräuschlos. Im dritten Stock liegt mein Vater. Einzelzimmer, große Fenster, hinter denen die Bäume rauschen. Ob er sie noch sieht oder ob er sie hört, das weiß hier niemand. Bei einem Spaziergang mit dem Hund ist irgendetwas passiert. Vermutlich ein Herzstillstand, unergründliches Schicksal. Eine Freundin findet ihn, seitdem liegt er im Wachkoma.

 

Ich nehme einen der grauen Stühle, setze mich ans Kopfende, krame Moby Dick hervor. Seine Augen suchen durch den Raum, auf der Decke ruhen seine kräftigen Hände – muskulöse Finger, Ehering, dunkle Härchen. Ich blättere durch die Seiten und lese ihm vor, uns. Von Kapitän Ahab, wie er die Mannschaft einschwört. Von seiner Leidenschaft, seinem unbändigen Willen.

 

„Ob [der weiße Wal] nun selbst mein Feind ist … oder nur meines Feindes Werkzeug, ich hasse ihn. … Und hätte die Sonne mich beschimpft, auf die Sonne ginge ich los; könnte sieh‘s, so könnt‘ ich es auch“ (Moby Dick, S.185).

 

So hätte auch mein Vater reden können. Wahrscheinlich sanfter, aber nicht weniger selbstbewusst. Er ist nicht sonderlich religiös gewesen, hat aber eine tiefe Ehrfurcht für das Leben gehabt: für das Glück mit seiner Frau; mit uns, den beiden Jungs. „Du siehst nur einmal die Sonne aufgehen“, das ist einer seine Sätze an mich.

 

Ich sehe uns auf dem Sofa, Samstagnachmittag, gemeinsam schauen wir den Spielfilm Moby Dick, Gregory Peck als Kapitän Ahab. Aufrecht, stolz in diesem winzig kleinen Boot. Möwen kreisen, still ruht das Meer. Doch dann bricht der weiße Wal aus der Tiefe empor, wieder und wieder stößt Ahab mit der Lanze zu, verfängt sich in der Leine, wird von Bord gerissen in die Tiefe. Heiliges Schaudern: So haben wir das Finale erlebt. Gedreht in der Irischen See. Und wieder ergreift mich dieses Gefühl, als ich am Bett meines Vaters sitze, ihm vorlese. Sein Bett ist wie eines dieser schlanken, zerbrechlichen Walfangboote, mit denen Ahab und seine Mannschaft den weißen Wal jagen.

 

Weit kommen wir nicht mit unserer Lektüre. Bloß ein paar hundert Seiten. An einem dieser sanften Tage kommt der Anruf. Mein Vater ist gestorben. Er fehlt bis heute. Er wäre ein so stolzer Opa gewesen, bestimmt komplett vernarrt in die beiden Enkelinnen. Was bleibt ist meine Erinnerung an ihn. Und dieses Buch, die Taschenbuchausgabe mit dem kolorierten Bild von dem Wal. Winzig kleine Menschen in einem Boot, rauschende See. Das unergründliche Schicksal? Gottes Wille? Manchmal, das ist seltsam und schön zugleich, ist er mir ganz nah, als säße er neben mir. Ich weiß ihn in guten Händen. Diese Geschichte von Moby Dick verbindet meinen Vater und mich über alle Tiefen hinweg, und in alle Ewigkeit hinein. Dort scheint für ihn eine neue Sonne. Irgendwie fühle ich das.

 

Es gilt das gesprochene Wort.