Spieglein, Spieglein...

Morgenandacht

Gemeinfrei via unsplash/ Rishabh Dharmani

Spieglein, Spieglein...
25.05.2022 - 06:35
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Wer ist die Schönste im ganzen Land? Morgen wird Heidi Klum diese Frage beantworten – jedenfalls für alle Fans im Finale von „Germanys Next Topmodel“. In Grimms Märchen ist die Frage gefährlich. Dort ist es eine Königin, die diese Frage an ihren Spiegel stellt. Die Antwort darauf – nämlich „Schneewittchen“ - sollte für die Prinzessin lebensgefährliche Folgen haben, für die Königin zuletzt sogar tödliche.

Die Frage hat es in sich: Wer ist die Schönste im ganzen Land? Denn die Königin hat ihrem Spiegel ja deshalb die Frage gestellt, weil sie eine ganz andere Antwort erwartet hat. Sie wollte ihren eigenen Namen hören. Ich glaube nun, dass jeder Mensch seine eigene Spiegelfrage hat. Bin ich die Schönste, Ehrgeizigste, Freundlichste, Beste, Stärkste? Die Liste kann beliebig erweitert werden. Für jeden und jede ist etwas dabei. Und es ist mindestens unangenehm, wenn der Spiegel einen anderen Namen nennt…

Jesus hat Menschen mit seiner Antwort auf ihre Spiegelfragen konfrontiert. Auch das hat nicht jeder lustig gefunden. Da kann ein reicher junger Mann sich nicht mehr auf die Schulter klopfen, da gelingt es einem selbstgefälligen Frommen nicht mehr, sich selbst gerecht zu sprechen, da sieht ein Starker plötzlich ganz feige aus. Bei manchen Menschen, die Jesus zugehört haben, ist der eigene Dünkel zerborsten wie ein Spiegel, der auf den Boden fällt. Kein Wunder, dass Jesus letztlich ans Kreuz gebracht wurde. Spiegelfragen können tödliche Folgen haben.

An zerbrochenen Spiegelscherben kann man sich die Finger zerschneiden. Ich kann verletzt werden durch zerbrochene Illusionen. Ich kann natürlich auch die Spiegelscherben zusammenkleben und in den Bruchstücken nach meinen eigenen Wunschbildern suchen. Ich kann mir meine Selbstbilder mit Photoshop nach Belieben zurechtbasteln. Oder ich kann überlegen, wozu Jesus anregen wollte. Ich meine, es ging ihm um Selbsterkenntnis. In seinem Spiegel sehe ich, wer ich bin. Sicher nicht die Schönste im Lande, auch nicht die Klügste, leider. Immerhin nicht langweilig und doch mit einem guten Schuss Spießigkeit. In diesem Spiegel sehe ich mich ungeschminkt, und das ist erst einmal nur schwer auszuhalten, mindestens so schwer wie die Nachricht an die Königin im Märchen.

Allerdings hat der Spiegel Jesu eine andere Botschaft an mich. Jesus erzählt nicht zynisch. Seine Spiegelbotschaften sind für Menschen gedacht, die gar nicht merken, dass sie in der Hölle der Selbstgerechtigkeit sitzen. Es sind Geschichten für Leute, die sich in ihrem Leben an zerbrochenen Illusionen die Finger zerschnitten haben und für die, die so verzweifelt sind, dass sie sich gar nicht mehr trauen, nach oben zu schauen. Jesus erzählt so, dass sich Menschen mehr zutrauen. Er meint, sie könnten sogar Berge versetzen. Er erzählt für Menschen, die auf der Suche sind nach dem Geheimnis des Lebens. Sein Spiegel lässt keinen Menschen allein. Das erinnert mich an einen Hinweis der Neurowissenschaften. Die Neurowissenschaften haben erklärt, dass wir Menschen über Spiegelneuronen verfügen. Sie verhelfen uns dazu, mit anderen Menschen zu fühlen, uns mit ihnen zu freuen und mit ihnen zu leiden. Diese kleinen Spiegelneuronen haben ein ganz anderes Ziel als der eigensüchtige Blick der Königin. Sie sind auf Gemeinschaft aus, auf Verbindung.

Jesus zeigt, dass es sich lohnt, in seinen Spiegel zu schauen. Denn aus seinem Spiegel blicken einen die liebevollen Augen Gottes an.

Gott hat jeden Menschen zu seinem Ebenbild geschaffen. Und das schenkt jedem Menschen eine königliche Würde – und eine einzigartige Schönheit. Und das ist wahre Diversität. Wenn die Königin im Märchen das gewusst hätte, wäre es ihr und Schneewittchen besser bekommen.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land. Du bist es, die anderen aber auch.

Es gilt das gesprochene Wort.