Vom konstruktiven Neid

Morgenandacht
Vom konstruktiven Neid
24.06.2021 - 06:35
Sendung zum Nachhören

Die Sendung zum Nachlesen: 

Der Neid hat keinen guten Ruf. Schon als Kind wurde ich von meinen Eltern ermahnt, nicht neidisch zu sein, weil andere Kinder etwas bekamen, was ich nicht hatte. Und später im Kon-firmandenunterricht erfuhr ich, dass Neid in der christlichen Tradition als Sünde gilt. Von da an verankerte sich im Kopf die feste Überzeugung, dass es ganz schlimm ist, neidisch zu wer-den, ja dass man sich für seinen Neid schämen sollte. Theoretisch war mir das schon klar, aber rein praktisch blieben doch immer gewisse Zweifel.

Dieser Zweifel macht sich etwa bemerkbar, wenn Politiker empört äußern, man wolle doch keine Neiddebatte eröffnen. Nur weil sich die Armen über absurd hohe Gehälter der Reichen beklagen oder Steuergerechtigkeit fordern. Tatsächlich wird der moralische Hinweis auf Neid oft benutzt, um wichtige Diskussionen über Gerechtigkeit zu verhindern. Die Tabuisierung von Neid hat auch nicht zu seinem Verschwinden geführt. Neid wird verheimlicht. Dabei gehört er zum allzu Menschlichen, das kann man allenfalls unterdrücken, aber nicht beseitigen.
Besonders in Krisenzeigen meldet sich der Neid zurück. Etwa wenn die einen geimpft werden, für mich selbst aber noch kein Impfstoff oder kein Impftermin zur Verfügung steht. Wenn die-jenigen, die das Privileg einer frühen Impfung genießen, nun auch noch im Alltag Erleichte-rungen bekommen, die den noch nicht Geimpften versagt bleiben. Da wird aufgeregt von Un-gerechtigkeit gesprochen und ich spüre, wie sich der Neid in mir bemerkbar macht. Das juris-tische Argument, dass es doch um die Aufhebung von Einschränkungen geht und nicht um Pri-vilegien – das erreicht meinen Verstand, nicht aber mein Gefühl.

Lässt sich das Neidgefühl moralisch als Sünde beurteilen? Im 6. Jahrhundert wurde der Neid von der Kirche als invidia in die Liste der Todsünden aufgenommen. Das klingt dramatisch und war auch so gemeint. Der Hinweis auf die Geschichte von Kain und Abel machte deutlich: es kann tödlich ausgehen, wenn ein Mensch sich mit dem anderen vergleicht und genau dasselbe haben will. Die Geschichte erzählt, wie Kain auf seinen Bruder neidisch ist, weil Abel von Gott bevorzugt wird. Kain fühlt sich von Gott abgelehnt, ist eifersüchtig und erschlägt schließlich den Bruder. Eine archetypische Erzählung. Sie hat Eingang in das Alte Testament gefunden, um zu zeigen, wie destruktiv es ist, seinen Mitmenschen etwas nicht zu gönnen, nur weil man selbst es nicht erreichen kann.

Das ist es, was mit der Sünde der invidia gemeint ist. Aber neben diesem zerstörerischen Neid gibt es auch noch einen konstruktiven, und der unterscheidet sich grundsätzlich von der Sünde und hat eine wichtige Funktion. Er wirkt entlastend, weil das neidvolle Unbehagen ei-nen Namen bekommt. Vor allem, wenn es in aufrechter Haltung geäußert wird: Ja, ich bin neidisch, und ich finde das wirklich ungerecht! Allein diese Gefühlsäußerung hat eine Wirkung. Und das ist die zweite Funktion des Neids. Das geäußerte Unbehagen der einen kann zum schlechten Gewissen der anderen werden. Der Philosoph Nietzsche hat in seinem Buch Allzu-menschliches den Neid als „Schamteil der menschlichen Seele“ bezeichnet und damit tatsäch-lich beide Seiten gemeint: Es ist nicht nur meine eigene Missgunst, über die ich mich selbst schäme. Genauso gut kann ich mich auch schämen, wenn ich sehe wie Mitmenschen benach-teiligt werden. Die Gerechtigkeit, die das friedliche Zusammenleben in der so vielschichtigen Gesellschaft ermöglicht, basiert unter anderem auf dem ausgewogenen Verhältnis zwischen Neid, Scham und dem eigenen Gewissen. 
Im Römerbrief schreibt der Apostel Paulus: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Röm 12,21) Und das ist auch die richtige Devise für die Unterscheidung zwischen destruktivem und konstruktivem Neid: Führt er zur Missgunst, aus Angst selbst zu kurz zu kommen, dann wirkt er zerstörend. Dient er aber dem Mitmenschen und führt zur gerechten Verteilung von Vorteilen und von Lasten, dann kann er sogar als Segen wirken.
 

Es gilt das gesprochene Wort.

Quelle: F. Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, 9. Hauptstück, No. 503.