"Leises Säuseln". So beschreibt die Bibel eine Gotteserfahrung. Unser Autor hat es so erlebt in einem kleinen französischen Dorf im Burgund, das bis heute junge Menschen weltweit verbindet.
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Am 17. April 1949, vor über 75 Jahren, gründete Frère Roger in einem kleinen Dorf in Burgund eine Gemeinschaft. Taizé.
Es hat klein und unscheinbar begonnen: ein paar Ordensbrüder, ein schlichtes Haus, viel Gebet. Taizé wurde zu einem Ort, der bis heute junge Menschen aus aller Welt anzieht. Nicht wegen großer Programme. Nicht wegen spektakulärer Predigten. Sondern wegen der Einfachheit.
In Taizé wird gesungen. Kurze Gesänge, die sich wiederholen. Worte aus der Bibel, die sich ins Herz legen wie ein ruhiger Atem. Es wird geschwiegen. Lange Minuten, in denen nichts gesagt wird und doch so viel geschieht. Und es wird gebetet. Gemeinsam.
In einer lauten Welt ist Taizé ein Raum zum Atmen.
Junge Leute, die dort waren, haben mir erzählt: "Am Anfang war mir die Stille unheimlich. Und dann habe ich gemerkt: Sie tut mir gut." Vielleicht, weil man dort wieder hören lernt.
Die Stille als Ort der Gottesbegegnung. So erlebt es der Prophet Elia. Gott selbst geht an ihm vorbei. Erst kommt ein Sturm, so stark, dass er Berge zerreißt. Dann kommt ein Erdbeben und ein Feuer, gewaltig und erschreckend.
Aber Gott ist nicht im Sturm. Nicht im Erdbeben. Nicht im Feuer. Sondern im "stillen, sanften Säuseln". In einem Hauch von Stille. In einem schwebenden Schweigen.
Taizé lebt genau davon: Gott begegnet oft nicht in großen Ereignissen, sondern in der Ruhe. Im einfachen Dasein. Im offenen Herzen.
Und Taizé lebt von Verständigung unter Menschen verfeindeter Nationen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten die Ordensbrüder einen Ort schaffen, an dem Franzosen und Deutsche zusammenkommen. Ehemalige Feinde – nun gemeinsam im Gebet. Später kamen Menschen aus der ganzen Welt dazu. Ein Gegenentwurf zu Hass und Trennung. Ein Ort, an dem Einheit nicht erzwungen wird, sondern wächst.
Diese Einheit ist kein Einheitsbrei. Menschen mit verschiedenen Traditionen, Sprachen und Glaubenswegen kommen nach Taizé. Und doch singen alle gemeinsam. Beten gemeinsam. Schweigen gemeinsam. Ein Bild und ein Erlebnis dafür, wie Religion und Glaube sein können: nicht laut um Aufmerksamkeit ringend. Sondern offen. Hörend. Verbindend.
Taizé erinnert mich daran: Gott begegnet uns oft dort, wo wir weniger reden und mehr hören. Wo wir nicht alles erklären wollen, sondern uns berühren lassen. Da reicht ein einfaches Lied. Ein Moment der Stille. Ein offenes Herz. Und dann beginnt, ganz leise, das, was unsere laute Welt so dringend braucht: Frieden, Verbundenheit und Vertrauen in Gottes Gegenwart.
Es gilt das gesprochene Wort.
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