Näherungen an Psalm 23

Grüne Auen und frisches Wasser

Gemeinfrei via unsplash.com (Serey Morm)

Über die Sendung:

Im Sommer des Jahres 2000 ist die Berliner Pfarrerin Ulla Franken nach dreijähriger Krankheit ihrem Krebsleiden erlegen. Nach der Diagnose und während der Behandlung erschloss sich ihr der 23. Psalm in neuer Weise. Auf die vertrauten Sätze antwortete sie mit kleinen Meditationen. Sie stehen im Zentrum dieser „Näherungen“.
 

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Wer möchte nicht gern gut behütet sein – gerade in einer Zeit, in der so vieles ungewiss geworden ist? Nach wie vor finden Menschen Trost im 23. Psalm, der von Gott als dem guten Hirten spricht: „Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln“.  Aber es gibt auch die andern, die allergisch reagieren: „Nur Schafe brauchen einen Hirten!“ – Diesen Spruch hat jemand auf eine Kirchenwand gesprayt. Wer will schon als Schaf durchs Leben trotten? Schafe haben einen merkwürdigen Stand in unserer Bilderwelt. „Dumme Ziege, blöde Kuh, alter Ochse“ – das sind klare Ansagen, sogar handfeste Beleidigungen. Bekommt man die an den Kopf geschleudert, kann man notfalls vor Gericht ziehen und Schmerzensgeld verlangen. Wird man als Schaf tituliert, so hat das etwas mild Abwertendes. „Armes Schaf, dummes Schaf, kleines Schaf“ – das klingt mitleidig von oben herab, nicht wie ein Angriff.  Zum Glück ist  vor inzwischen 13 Jahren ein Roman erschienen, der das Bild vom Hirten und seinen Schafen, dem die Bibel so viel Platz einräumt, neu ausleuchtet. Der Kriminalroman „Glennkill“ von Leonie Swann hat die Schafe aus ihrer Opferrolle befreit. In dieser Geschichte werden  Schafe zu Akteuren und entwickeln ganz erstaunliche Fähigkeiten: Eines Morgens liegt der Schäfer George Glenn leblos im irischen Gras, ein Spaten ragt aus seiner Brust. Seine Schafe sind entsetzt: Wer kann den alten Schäfer umgebracht haben? Und warum? Miss Maple, das klügste Schaf der Herde, beginnt sich für den Fall zu interessieren. Glücklicherweise sind die Schafe gebildet, denn ihr Hirte George hat ihnen abends immer etwas vorgelesen, und so trifft sie das kriminalistische Problem nicht unvorbereitet. Trotz vieler Missverständnisse kommen sie der Menschenwelt in ihrer Schafslogik nach und nach auf die Schliche und verfolgen unerbittlich die Spur des Täters. Zwischen Weideland und Dorfkirche, Steilklippen und Schäferwagen warten ungeahnte Abenteuer auf die Schafe, bis es ihnen tatsächlich gelingt, Licht ins Dunkel zu bringen und den rätselhaften Tod ihres Schäfers aufzuklären. Der Hirte ist außer Gefecht gesetzt, nun ist es an der Herde, das Chaos zu entwirren. Die Schafe trotten nicht mehr nur hinterher, sie selbst ergreifen Initiative. Und das ist eine gute Grundlage, finde ich, das alte biblische Bild vom Hirten und seinen Schafen neu zu  sehen.  Die Schafe müssen nicht passiv sein. Sie sind nicht dumm. Gerade darum wissen sie in dem Roman Glennkill ja auch, wie wichtig es ist, einen fitten Schäfer, einen guten Hirten zu haben – so einen wie George es war. Er hat sie beschützt, er hat mit ihnen gesprochen, hat ihnen vorgelesen, hat ihnen die Welt erschlossen – in seiner Obhut konnten sie sich frei entfalten. Und darum sind sie in der Not auch fähig, diese Fäden aufzunehmen und weiter zu spinnen. Nun sind sie dran, ihren Scharfsinn, ihren neuen Schaf-Sinn, einzusetzen, um würdige Partner ihres Hirten zu werden. Um es noch einmal in den Bildern der Bibel und aus der Perspektive der Kriminalgeschichte von Leonie Swann zu sagen: Die Schafe brauchen ihren Hirten, doch auch der Hirte kann auf seine Schafe zählen.

 

Im Schützengraben habe er den 23. Psalm schätzen gelernt, wenn die Bomben einschlugen und die Kameraden vor Angst nach ihrer Mutter schrien. Und deshalb sollten auch wir ihn auswendig lernen, so riet uns der hochbetagte Katechet, der Ende der fünfziger Jahre wöchentlich in unser Dorf kam, um uns Christenlehre zu erteilen. Der Mann hatte noch im ersten Weltkrieg gekämpft, das war sein Erfahrungshintergrund. Alles in mir wehrte sich gegen diese Art von biblischer Zurüstung. Doch viel später dann gab es tatsächlich eine Situation, in der ich dankbar war, diesen Psalm memorieren zu können. Als ich vom Brötchenholen um die Ecke bog, sah ich eine alte Frau auf dem Gehsteig liegen. Ich meinte, sie sei ohnmächtig geworden oder habe einen Schwächeanfall erlitten. Ich sprach sie an, nahm ihre Hand, versuchte sie zu erreichen. Doch schon rief mir jemand aus einem offenen Fenster zu, dass die Frau vom Balkon gestürzt sei. Jetzt erst sah ich, dass die Knöchel gebrochen waren und dass der Hinterkopf verletzt war. Ihre Hand war warm und trocken. Ihr Atem war flach, doch Anzeichen von Schmerzen gab es nicht. Ihr Gesicht wirkte entspannt. Aber sie reagierte nicht auf mich, schien da zu sein und doch ganz weit weg. Die Hand der Frau haltend, ihren Atem wahrnehmend, ihren Blick suchend – fühlte ich mich wie im Auge des Taifuns. Die Unruhe ringsumher drang nicht vor bis zu uns beiden. Was braucht die Frau? Einen Arzt? War es dafür nicht schon zu spät? Wohnte ich etwa ihrem Sterben bei? Ich war so hilflos. Diese Situation traf mich unvorbereitet. Ich wollte beten für die Frau, doch alles Mögliche ging mir durch den Kopf. War es ein Unfall? Hatte sie sich mit dem Wunsch zu sterben heruntergeworfen? Ich riss mich selbst aus diesen Gedanken, die ich zu keinem Ende bringen konnte, umschloss ihre Hand fester und sprach leise das  Vaterunser und den 23. Psalm. Damit legte ich meine eigene Hilflosigkeit in Gottes Hand und übergab ihm das Schicksal dieser Frau. Im Gebet fühlte ich mich mit ihr vor Gott vereint, es war an ihm, ihr Schicksal in seine Hände zu nehmen. Kaum hatte ich meine Gebete beendet, kam eine ganze Armada von Rettungsleuten. Sie übernahmen das Terrain: Stießen mich zur Seite, sperrten den Bürgersteig, holten technisches Gerät herbei, begannen mit ihren Rettungsmaßnahmen. Doch nicht lange, und die Ärztin brach die Wiederbelebungsversuche ab. „Es ist nichts mehr zu machen,“ sagte sie. „Die Frau ist tot.“ Die Notärztin ging, die Feuerwehr kümmerte sich um die nächsten Schritte, deckte die Frau ab, hielt die Passanten fern und kümmerte sich um den Abtransport der Leiche. Gern hätte ich ihr noch ein Segenswort zugesprochen, doch in der Maschinerie dieses Einsatzes war kein Platz mehr für meinen Beistand. Inzwischen habe ich mich zum Notfallseelsorger ausbilden lassen und wüsste mich besser zu verhalten. Dass mir damals spontan der 23. Psalm einfiel, war aber schon mal ein guter Einstieg, um Situationen zu bewältigen, die mich sprachlos machen.

 

Im Sommer des Jahres 2000 haben wir von Ulla Franken Abschied genommen. Sie arbeitete als Pfarrerin an der Berliner Emmaus-Kirche und war nach dreijähriger Krankheit ihrem Krebsleiden erlegen. Nach der Diagnose und während ihrer Behandlung war ihr der 23. Psalm ein Trost in schwerer Zeit. Die vertrauten Worte erschlossen sich ihr in ganz neuer Weise. Auf den bekannten Text antwortete sie mit kleinen Meditationen.

 

Der HERR ist mein Hirte.

 

An diesen fünf Worten versuche ich mich festzuhalten hier in dieser Röhre, damit ich nicht in Panik verfalle allein im Raum und in dem engen und doch riesigen Gerät. Vor zehn Tagen habe ich die Diagnose bekommen: Brustkrebs, bösartig, drei Zentren in der rechten Brust, befallene Lymphdrüsen in der Achselhöhle. Jetzt sucht die Aufnahmeröhre über mir nach Metastasen in meinen Knochen. Das erste Mal seit diesen zehn Tagen bin ich wirklich allein. Nein, ich will dieses Wort nicht denken: allein. Und doch schleicht es sich in alle Sätze, die ich denken kann in dieser Situation. In einem findet das Schreckenswort keinen Platz: Der Herr ist mein Hirte.

 

Mir wird nichts mangeln.

 

Sätze über meine Zukunft werden unweigerlich zu Fragesätzen. Fragezeichen stehen auf einmal überall da, wo mir bis gerade eben die Punkte und Ausrufezeichen noch so sicher platziert schienen. Mir wird nichts mangeln: fast erscheint mir dieser Satz zynisch. Denn es wird mir an einer Brust mangeln, sogar an der schöneren von meinen beiden. Es wird mir an Gesundheit mangeln, denn auch, wenn ich diese Krankheit besiege, werde ich mich nie wieder als so gesund ansehen können wie bisher. Es wird mir an Unbeschwertheit mangeln, an der Lebenslust, die die Realität, ja, sogar die Möglichkeit des Todes für Zeiten völlig vergessen läßt. Ob es sein kann, dass ich „Ich“ bleibe, neu werde trotz all dieser Mängel? Ob es sein kann, dass all diese Mängel sein können, ohne dass sie mein Leben, mein Ich-Sein, bestimmen? Dann wäre dieser Satz nicht mehr zynisch, dann wäre er ein Hoffnungssatz: mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

 

In der Urlaubswoche vor der Operation kann ich das glauben und spüren. Auf der Decke im Gras neben meinem Mann kann ich es spüren und im weiten Blick über das Meer vor meiner geliebten Insel. Und doch bleiben Fragen. Warum trifft mich diese Krankheit? Warum tut mein Gott mir das an? Tut Er mir das an, oder ist es jemand anderes, etwas anderes, was diese Krankheit zu verantworten hat? Bin ich es selber, bin ich schuld? Oder ist Er der, der mich verflucht? Dann will ich auch über Ihn fluchen können, gegen Ihn schreien, mich Seiner Führung verweigern. Lieber will ich glauben, dass mein Gott der Gott dieses Psalmverses ist, der, der mich in aller Not segnet mit Seiner Kraft und den Genüssen Seiner Schöpfung. Mein Gott soll Friede heißen, Gerechtigkeit, Trost, Leben, nicht Schuld, Strafe oder Fluch.

 

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

 

Die Überlebens- und Bewältigungsgröße in schweren Krisen ist nicht das Individuum, sondern das Paar, sagte neulich in einer Radiosendung über Geiselopfer ein Polizeipsychologe. Ja, ich bin froh, dass ich zu einem Paar gehöre, dass mein Mann nicht geflüchtet ist wie die Männer vieler anderer Frauen in vergleichbarer Situation, die ich bei meinen Krankenhausaufenthalten kennengelernt habe. Dass er bei mir ist als ein Du zum Anfassen, zum Hören, zum gemeinsam Weinen und trotz alledem zusammen Lachen. Und ich bin froh, dass mein Gott noch nicht geflüchtet ist aus meiner Seele, dass er mir geblieben ist und ich an Ihn denken kann als Quelle von Kraft, Hoffnung und Trost.

 

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.

 

Feinde – dieses Wort hatte ich aus meiner Sprache eigentlich gestrichen. Unbemerkt müssen sie mir schon Monate, vielleicht Jahre ganz nahe gewesen sein, hatten sich in mir, in meinem Körper eingenistet und ihn für ihre Zwecke missbraucht. Und doch waren sie nur auf Monitoren und unter Mikroskopen zu sehen. Wäre da nicht jetzt nach der Operation die lange Narbe, wo bisher meine rechte Brust war, wären diese Feinde immer noch unfassbar, unbegreiflich. Jetzt kann ich zumindest den Kampfplatz sehen und anfassen, die Wunden fühlen und betrauern, den Verlust begreifen: meine Feinde haben ein Angesicht bekommen. Und mit jedem Mal, wo sie sich nicht mehr verstecken können, bin ich dem Sieg über sie ein Stück näher gekommen.

 

Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

 

Sechs Wochen nach der bisherigen Chemotherapiebehandlung beginnen meine Haare langsam wieder zu wachsen. Jeden Millimeter, jede Nuance der Dunklerfärbung auf meinem monatelang kahlen Kopf beobachte ich voller Hoffnung, aber auch voller Sorge. Denn die nächste Behandlungseinheit steht kurz bevor. Wird sie die zarten Haarpflänzchen wieder zunichte machen? Wird sich das bis heute für mich traumatische Erlebnis des Haarausfalls noch einmal wiederholen?

           

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

 

Viele liebe Menschen haben an mich gedacht in den letzten Monaten, haben mir geschrieben, mich besucht, mich beschenkt, für mich und für meine Familie gebetet: viel Gutes und Barmherzigkeit haben mich begleitet. Wie sehr dies alles geholfen hat zum Leben und Standhalten, können die einzelnen vielleicht gar nicht ermessen. Und doch war mir jedes dieser Worte ein Wahrheitszeichen dieser großen Hoffnung und Zusage und wird es mir weiterhin sein auf dem Weg, der noch zurückzulegen ist: Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar. Amen.

           

Nachdem ich selbst es früher lästig fand, den 23. Psalm auswendig zu lernen, bringe ich ihn heute Kindern und Erwachsenen mit einiger Leidenschaft bei und stoße dabei auf echtes Interesse. Vielleicht, weil ich für mich einen Weg gefunden habe, die traditionelle Bilderflut diese Psalms aufzulösen und anschaulich zu machen. Ich lege Gegenstände wie eine Uhr mit 12 Ziffern im Kreis und alle in der Runde prägen sich die biblischen Worte auf spielerische und zugleich meditative Weise ein. Nicht für den Schützengraben, aber für die schweren und schönen Momente des Lebens, für die man selber meist keine rechten Worte findet.

 

Auf der Eins liegt ein kleines Schaf.

 

Der Herr ist mein Hirte.

 

Auf der Zwei ein Reiseführer und eine Sonnenbrille.

           

Mir wird nichts mangeln.

 

Die Drei schmückt eine Vase mit Blumen und Gräsern.

           

Er weidet mich auf grüner Aue.

 

Auf der Vier steht ein Krug.  

 

Und führet mich zum frischen Wasser.

 

Und so gibt es für jedes Bild des Psalms etwas, das sich leicht einprägen lässt. Auf die Zwölf habe ich einen Stern gelegt, der das vorletzte Wort symbolisiert:

 

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.

 

In der Mitte des Kreises liegt ein Schlüsselbund und damit endet der Psalm 23.

 

Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

 

Kinder in Indien tragen häufig kleine Metallkapseln um den Hals. „Da ist mein Mantra drin“, erklärte mir ein kleiner Junge, den ich nach dem Zweck dieser Kapsel fragte; ein Vers also, der ihm zugeeignet ist und ihn  als Schutzwort begleitet. Freunde haben mir zum Abschied meiner Indienreise eine solche leere Kapsel geschenkt und mich aufgefordert, mein persönliches Schutzwort da hineinzutun. Ich habe überlegt, welches Bibelwort ich zu meinem Begleiter mache und mich für den Taufspruch entschieden, den mir meine Eltern ausgewählt haben. Jetzt trage ich einen Vers aus dem 27. Psalm in meinem Gepäck: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil, wovor sollte ich mich fürchten.“ Dieses Wort gehört zu mir, ganz persönlich. Den Psalm 23 aber habe ich im Kopf – immer präsent – mit all seinen wunderbaren Bildern. Und er ist sofort da, wann immer eine Situation danach verlangt: nicht selten als Geschenk für einen Menschen in Not.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

 

 

Musik dieser Sendung

 

1. Leonard Bernstein, Psalm 23.

    Bernstein conducts Bernstein, New York Philharmonic Orchestra (Sony Music)

 

2. Igor Stravinsky,  Exaudi orationem meam, Domine.

Igor Stravinsky, Symphony of Psalms, John Eliot Gardiner, London Symphony Orchestra (Deutsche Grammophon)                         

 

3. Moses Mendelssohn, Franz Schubert, Psalm 23.

    Von dem Dome, Jan Schumacher, Camerata Musica Limburg

 

4. Patti Smith, Privilege.

    Patti Smith Group, Easter (Arista Records)