Standleitung ins Paradies

Morgenandacht

Lieder können ein Schatz fürs Leben sein. Oder eine Last. Es kommt darauf an, welche Lieder einem eingesungen wurden: Volkslieder oder Kirchenlieder, Kampflieder oder Fangesänge, Hits oder Evergreens. Jedenfalls: Kinder, deren Eltern einen Sinn fürs Singen hatten, tragen diese Melodien und Texte auch als Erwachsene in sich. Die Lieder der Kindheit sind direkte Drähte in die Vergangenheit: Geist und Körper bergen die Erinnerungen, die sich an die Lieder binden.

 

Zum Beispiel: das Singen am Eingang zur Nacht. Das Kind ist noch klein. Mal an den Vater, mal an die Mutter gekuschelt, lauscht es. Leise wölben sich die Stimmen wie ein schützender Baldachin: „Breit aus die Flügel beide...“, „Der Mond ist aufgegangen...“, „Die Blümelein, sie schlafen...“ Ein Gefühl von Geborgenheit. Irgendwann, das erste, tastende Mitsingen, das Sich-Einschmiegen in die Stimmen der Großen. Wie Kinder das nun einmal tun: Sich einschmiegen in das, was die Erwachsenen ihnen anbieten. Was auch immer es ist.

 

Eine andere Erinnerung: In der Küchentür hängt eine Schaukel. Das Gefühl zu schwingen, die Beine hoch in der Luft, höher. Freiheit der Fünfjährigen. Ein Kind schaukelt. Die Mutter arbeitet in der Küche, vielleicht bügelt sie, vielleicht kocht sie. Das Kind schaukelt. Sie singen: „Im Märzen der Bauer...“, „Der Mai ist gekommen“, „Wenn die bunten Fahnen wehen...“ Sie singen sich durch die Jahreszeiten. Mutter und Kind. Die Lieder nehmen kein Ende. Alles ist gut. Ein Stückchen Paradies.

 

Gefühle haben tiefe Wurzeln. In feinen Verästelungen durchdringen sie die Jahre und Jahrzehnte unseres Lebens, verbinden uns mit längst Vergangenem. Bewusstem und Unbewusstem. Erinnertem und der Erinnerung Entzogenem. Gefühle wohnen im Körper, und der hat ein gutes Gedächtnis. Wenn ich singe, öffnet sich eine Tür zu diesen Erinnerungen meines Körpers. Im Singen verbinden sich Sinne und Seele, Atem und Gedanke. Manchmal gibt es keine Worte, aber ein Lied, eine Melodie, ein paar Takte – und die Stimmung wird heller. Wie beim Kind auf der Schaukel. Und wenn ich singe oder summe, wenn ich meinen Atem Melodie werden lasse, kann ich mich verbinden mit der Geborgenheit dieser Stunden. Das Singen ist eine Standleitung ins Paradies.

 

In der Bibel findet sich die alte Geschichte von Gott, dem Schöpfer, der den Menschen aus Erde formt, und in seine Nase den Atem des Lebens einhaucht. „Und der Mensch wurde zur lebendigen Seele“ dichtet die Bibel. Das hebräische Wort, das im Deutschen gerne mit Seele übersetzt wird, heißt „Näfäsch“.

 

Es ist anders spirituell als das deutsche Wort Seele. Körperlicher. Es steht nämlich auch für die Kehle, durch die der Atem strömt, der den Menschen mit Gott, mit allem, was lebt, verbindet. Die Kehle, der Atem sind Sitz der Lebendigkeit. Wem es an die Kehle geht, der ist mit dem Tod bedroht. Wem die Angst Kehle und Seele einschnürt, kann nicht mehr singen. Immer wenn es in den Psalmen, den Liedern der Bibel heißt „Meine Seele singt …“ steht im Hebräischen „Näfäsch“. Darin verbirgt sich eine sehr körperliche Spiritualität. Es geht nicht nur um Geistiges, um Gedanken. Im Singen verbinden sich Körper und Atem zu etwas Neuem. Man kann auch sagen: „Meine Kehle singt…“ „Lobe den Herrn, meine Kehle“. – Mir gefällt dieser Gedanke. Kehle und Seele gehören zusammen. Es ist nicht weit vom Atem zur Kehle, zur Seele zum Gesang.

 

Wer atmet, lebt. Und wer noch singen kann, den hat die Angst nicht im Griff. Die alten Texte der Bibel legen außerdem nahe, dass wer atmet und singt mit Gott verbunden ist. Was für eine schöne Idee. Menschheitswissen außerdem, nicht nur in der Bibel zuhause: „Gott achtet mich, wenn ich arbeite“, schreibt der bengalische Dichter Tagore. „Aber er liebt mich, wenn ich singe.“

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